Der “Stalin-Hitler-Pakt”

GiNN-BerlinKontor.— Heute vor 75 Jahren – am 23. August 1939 – unterzeichneten im Beisein von Josef W. STALIN, seit 1922 Generalsekretär des Zentralkomitees der kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) der deutsche Reichsaußenminister Joachim VON RIBBENTROP, der UdSSR-Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten Wjatscheslaw MOLOTOW sowie der Generalstabschef der Roten Armee, Boris SCHAPOSCHNIKOW, den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt – auch “Hitler-Stalin-Pakt” genannt.

Beim Studium der Vorgeschichte dieses Vertrages drängt sich auf, dass dieser zwischen den beiden Diktatoren in Moskau und in Berlin mit heißer Nadel gestrickte Pakt- eine Woche vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs – doch wohl historisch korrekter “Stalin-Hitler-Pakt” heißen müsste.

Der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt war zunächst auf 10 Jahre begrenzt. Das Abkommen knüpfte an den Berliner Vertrag von 1926 an und an den Vertrag von Rapallo.

Das Deutsche Reich musste in diesem Moskauer Vertrag verbindlich die Neutralitaet im Falle einer Auseinandersetzung mit Polen und den Westmächten garantieren und räumte der Sowjetunion zusätzlich die Möglichkeit ein, im Ersten Weltkrieg verlorene Territorien “ohne Eingreifen des Deutschen Reiches” zu annektieren..

Schon in Vorverhandlungen mit Berlin hatte Moskau auf so genannte Zusatzprotokolle bestanden, in denen verbindlich “die Interessen der Sowjetunion” – z.B. an Polen, Finnland, Estland, Litauen und Lettland – festzuschreiben seien, was Hitler wie gesagt später tat. .

Erste Kontakte zwischen Moskau und Berlin waren auf Weisung Stalins schon von dem sowjetischen Außenminister Maxim LITWINOW vorbereitet worden. Der Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten – seit 1930 im Amt – wurde jedoch von Stalin wenige Monate vor den deutsch-sowjetischen Verhandlungen entlassen. In Moskau hiess es damals, es sei dem deutschen Reichsaußenminister Ribbentrop und somit dem Reichskanzler Adolf HITLER “nicht zuzumuten, mit einem judischen Minister zu verhandeln”. Litwinow musste gehen und und die Amtsgeschäfte übernahm am 3. Mai 1939 Molotow, der dann auch die Verhandlungen mit Berlin focierte und zum Abschluss brachte.

Maxim Litwinow, mit bürgerlichem Namen Meir Henoch Mojsyewicz WALLACH-FINKELSTEIN, war als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie. Er wurde  1876 in Bialistok geboren, das damals unter russischer Verwaltung stand. Er diente in der russischen Armee und lernte Stalin später im Kaukasus kennen. Liwinow, seit 1898 Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands, wurde 1900 verhaftet. Nach 18 Monate Haft arbeitete Litwinow in der Schweiz, wo er als Jourmalist arbeitete. Später holte ihn Stalin als außenpolitischen Berater und danach als “Außenminister” in den Kreml.

Vor Kriegsbeginn fungierte Litwinow auch als “Kontaktperson” zum US- Präsidenten Franklin D. ROOSSEVELT und zum britischen Premierminister Winston CHURCHILL. Litwinow soll immer wieder versucht haben, die internationale Isolation der kommunistischen Sowjetunion zu überwinden und die diplomatische Anerkennung der kommunisrischen UdSSR als Staat vor allem durch die USA durchzusetzen. Dies gelang ihm wohl auch, weil Rossevelt zu Deutschland und Japan ein “Gegengewicht” sah. Als Hitler am 22.Juni 1941 die Sowjetunion angriff, schickte Stalin dann auch Litwinow als Botschafter nach Washington D.C.

Litwinow war jedoch noch im Amt, als bereits am 17. April 1939 der sowjetische Botschafter in Berlin, Alexej MEREKALOW, auf Weisung Stalins im Berliner Auswärtigen Amt vorstellig wurde. Nach Aufzeichnungen des damaligen Staatssekretärs Ernst Heinrich VON WEISZÄCKER hatte Stalines Botschafter den Auftrag, “erste entscheidende Schritte zu einer Verständigung mit Deutschland auszuloten”.

Botschafter Merekalow erklärte dem deutschen Chefdiplomaten in der Wilhemstrasse, für Moskau bestehe kein Grund, warum die UdSSR nicht “mit Deutschland auf einen normalen Fuss leben sollte”. Aus normalen Beziehungen könnten auch “wachsend bessere werden”.

Stalin hatte schon früher erkennen lassen, dass er mit dem Deutschen Reich “ins Reine” kommen wolle. Mit großem Unbehagen mußten London und Paris zur Kenntnis nehmen, dass Stalin zur gleichen Zeit mit Großbritannien und Frankreich über ein “Abkommen der kollektiven Sicherheit” verhandelte, und gleichzeitig dabei war, einen Pakt mit dem Deutschen Reich zu schliessen. Außenminister Molotow gab später zu Prokoll, dass “Genosse Stalin mehrfach die Möglichkeit angedeutet habe, dass es zwischen Moskau und Berlin eine ganze Reihe nichtfeindlicher und gutnachbarlichen Beziehungen geben könne.”

Mitte Juni 1939- so wird berichtet – fiel auf diplomatischem Parkett in Berlin erstmals das Wort “Nichtangriffspakt”. Georgi ASTACHOW, Botschaftsrat an der sowjetischen Botschaft in Berlin, berichtete dem bulgarischen Botschafter Parvan DRAGONOFF, wenn die deutsche Reichsregierung erklären würde, die UdSSR nicht anzugreifen und dies in einem Nichtangriffspakt unterschreibe, werde die Sowjetunion wohl “von einem Vertrag mit London Abstand nehmen.”

Am 26. Juli 1939 überbrachte der deutsche Legationsrat Karl SCHNURR – laut Aufzeichnungen der  Archive im  Auswärtigen Amt und im US State Department – dem sowjetischen Botschaftsrat Astachow die Mitteilung, dass Berlin bereit sei, “alle Garantien zu liefern”.

Am 1. August 1939 nahm die deutsche Reichsregierung die Offerte des Kreml endgültig an. Der deutsche Botschafter in Moskau, Friedrich-Werner GRAF VON DER SCHULENBURG (er wurde am 10. November 1944 als Widerstandskämpfer hingerichtet), übergab dem sowjetischen Außenminister Molotow eine Note, in der Berlin dem Nichtangriffspakt zustimmt – auch mit dem “vertraulichen Sonderprotokoll” bezüglich der “Interessensphären” des Kreml war die deutsche Reichsregierung einverstanden.

Stalin beeilte sich, Hitler noch am gleichen Tag mizuteilen, dass er nun bereit sei, den deutschen Außenminister von Ribbentrop zur Unterzeichnung des Paktes in Moskau zu empfangen. Man einigte sich darauf, am 23/24. August 1939 in Moskau den “Hitler-Stalin-Pakt” – wie ihn die Geschichtsschreibung später nannte und heute noch nennt – zu unterzeichnen. Ein Abkommen, dass im Sommer 1941 mit dem Einmarsch deutscher Truppen in die Staaten der Sowjetunion null und nichtig wurde.

Am 31. August 1939 hatte Molotow den Pakt mit Hitler überschwenglich als sowjetische Initiative gelobt. Molotow auf einer Sondersitzung des Obersten Sowjets: “Der Abschluss des sowjetisch-deutschen (sic!) Nichtangriffspaktes zeigt, dass Genosse Stalins historischer Weitblick auf brillianteste Weise bestätigt wurde.” Das geheime Zusatzprotokoll blieb natürlich unerwähnt.

Der Kreml hat die Existenz dieses Zusatzprotokolls zur Zerschlagung Polens und zur Annektierung Finnlands sowie der Baltischen Staaten immer wieder bestritten. Der spätere Außenminister Andreij GROMYKO (1957-1985) nannte diese “geheimen” zusätzlichen Absprachen später eine “unverschämte Geschichtsfälschung”.

Die Welt erfuhr übrigens vom Einmarsch der deutschen Truppen in Russland am 22. Juni 1941 um 3 Uhr morgens. Aus dem Führerhauptquartier liess Hitler über alle deutschen Rundfunksender mitteilen, die deutsche Wehrmacht sei “zur Abwehr der drohenden Gefahr aus dem Osten mitten in den gewaltigen Aufmarsch der feindlichen Kräfte der UdSSR hineingestossen.”

Stalin reagierte erst am 3. Juli 1941 auf den deutschen Überfall “ohne Kriegserklärung”. In einer Rundfunkansprache an die “Genossen, Brüder und Schwestern, Kämpfer unserer Armee und Flotte” verdammte Stalin den Pakt-Genossen Hitler, der mit dem “verbrecherischen militärischen Überfall auf unsere Heimat wortbrüchig” geworden sei. Die beiden Dikatatoren Stalin und Hitler waren über Nacht zu Erzfeinden geworden.

Detlef R. Peters

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