24.8.39: Pakt mit Stalin

GiNN-BerlinKontor.—Am 24. August 1939 unterzeichneten im Beisein von Josef Wissarionowitsch STALIN, seit 1922 Generalsekretär des Zentralkomitees der kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) und ab 1941 Vorsitzender des Rates der Volkskommissare der deutsche Reichsaußenminister Joachim VON RIBBENTROP und UdSSR-Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, Wjatscheslaw MOLOTOW sowie der Generalstabschef der Roten Armee, Boris SCHAPOSCHNIKOW, den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt auch Hitler-Stalin-Pakt genannt.

Beim  Studium  der Vorgeschichte dieses Paktes drängt sich der Eindruck auf, dass dieser eine Woche vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs mit heisser Nadel gestrickter “Vertrages” zwischen den beiden Diktatoren in Moskau und in Berlin eigentlich “Stalin-Hitler-Pakt” heissen müsste.

Der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt, war zunächst auf 10 Jahre begrenzt. Das Abkommen knüpfte an den Berliner Vertrag von 1926 an und somit an den Vertrag von Rapallo.

Das Deutsche Reich  liess sich von Moskau die Neutralität im Falle einer Auseinandersetzung mit Polen und den Westmächten garantieren und räumte der Sowjeunion die  Möglichkeit ein, im Ersten Weltkrieg verlorene Territorien ohne  Aingreifen des Deutschen Reiches zu besetzen.

Schon in  den Vorverhandlungen mit Berlin hatte Moskau auf geheime “Zusatzprotokolle”  bestanden, in denen verbindlich die Interessen der Sowjetunion – z.B. an Polen, Finnland, Estland, Litauen und Lettland – festzuschreiben seien.

Erste Kontakte zwischen Moskau und  Belin waren auf Weisung Stalins von dem sowjetischen Aussenminister Maxim LITWINOW vorbereitet worden.  Der Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten – seit 1930 im Amt – wurde jedoch von Stalin wenige Monate vor den deutsch-sowjetischen Verhandlungen entlassen. In Moskau hiess es damals, es sei dem deutschen Reichsaußenminister Ribbentrop und vor allem dem Reichskanzler Adolf HITLER  “nicht zuzumuten, mit einem judischen Minister zu verhandeln”. Litwinow musste gehen und die Amtsgeschäfte übernahm am 3. Mai 1939 Molotow, der dann auch die Verhandlungen mit Berlin focierte und zum Abschluss brachte.

Maxim Litwinow, mit bürgerlichem Namen Meir Henoch Mojsyewicz WALLACH-FINKELSTEIN, war als Sohn  einer jüdischen Kaufmannsfamilie 1876 in Bialistok geboren, das damals unter russischer Verwaltung stand. Er diente später  in der russischen Armee und lernte Stalin im Kaukasus kennen. Liwinow, seit 1898 Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands, wurde 1900 verhaftet. Nach 18 Monate Haft arbeitete  Litwinow in der Schweiz als Jourmalist. Später holte ihn Stalin als außenpolitischen Berater und danach “Außenminister” in den Kreml.

Vor Kriegsbeginn fungierte Litwinow auch als Kontaktperson zu Präsident Franklin D. ROOSSEVELT und zum britischen Premierminister Winston CHURCHILL. Es war,Litwinow , der immer wieder versuchte, die internationale Isolation der kommunistischen Sowjetunion zu überwinden und die diplomatische Anerkennung .der UdSSR als Staat durch die USA durchzusetzen. Dies gelang ihm, wohl auch, weil Rossevelt zu Deutschland und Japan ein “Gegengewicht” wollte. Nachdem Hitler am 22.Juni 1941 die Sowjetunion angegriffen hatte, schickte Stalin Litwinow als Botschafter nach Washington D.C.

Litwinow aber war noch im Amt gewesen,  als bereits am 17. April 1939 der russische  Botschafter in Berlin, Alexej MEREKALOW,  auf Weisung Stalins im Berliner Auswärtigen Amt vorstellig wurde. Nach Aufzeichnungen des Staatssekretärs Ernst Heinrich VON WEIZSÄCKER hatte der sowjetische Botschafter offensichtlich den Auftrag, “erste entscheidende Schritte zu einer Verständigung mit Deutschland” auszuloten.

Botschafter Merekalow erklärte dem deutschen Chefdiplomaten, für Moskau bestehe kein Grund, warum die UdSSR nicht “mit Deutschland auf einen normalen Fuss leben sollte”. Aus normalen Beziehungen könnten  auch “wachsend bessere werden”.

Stalin hatte schon früher erkennen lassen, dass er mit dem Deutschen Reich “ins Reine”  kommen wolle. Mit großem Unbehagen mussten London und Paris zur Kenntnis nehmen, dass Stalin zur gleichen Zeit mit Großbritannien und Frankreich über ein “Abkommen der kollektiven Sicherheit” verhandelte, und gleichzeitig Vorbereitungen unternahm,  einen Pakt mit dem Deutschen Reich zu schliessen.

Außenminister Molotow gabe später zu Prokoll, dass  “Genosse Stalin mehrfach die Möglichkeit angedeutet habe, “dass es zwischen Moskau und Berlin eine ganze Reihe nichtfeindlicher und gutnachbarlichen Beziehungen geben könne”.

Mitte Juni 1939 – so wird berichtet – fiel auf dem diplomatischen Parkett erstmals das Wort “Nichtangriffspakt”. Georgi ASTACHOW, Botschaftsrat an der sowjetischen Botschaft in Berlin,  berichtete demnach dem bulgarischen Botschafter Parvan DRAGONOF, wenn die deutsche Reichsregierung  erklären würde,  die UdSSR nicht anzugreifen und dies in einem Nichtangriffspakt unterschreibe, werde “die Sowjetunion wohl von einem Vertrag mit London Abstand nehmen.”

Am 26. Juli 1939 überbrachte der deutsche Legationsrat Karl SCHNURR – laut Aufzeichnungen im Archiv des US State Departments – dem sowjetischen Botschaftsrat Astachow die Mitteilung, dass  Berlin  bereit sei,  “alle Garantien zu liefern”.

Am 1. August 1939 nahm die deutsche Reichsregierung die Offerte des Kreml endgültig an.  Der deutsche Botschafter in Moskau, .F.M. Graf VON DER SCHULENBURG (er wurde im November 1944 als Widerstandskämpfer hingerichtet), übergab dem sowjetischen Aussenminister Molotow eine Note, in der Berlin dem Nichtangriffspakt zustimmte. Auch mit dem “vertraulichen Sonderprotokoll” bezüglich der “Interessensphären” des Kreml war die deutsche Reichsregierung einverstanden.

Stalin  beeilte sich, Hitler noch am gleichen Tag mizuteilen, dass er nun bereit sei, den deutschen Außenminister von Ribbentrop zur Unterzeichnung des Paktes zu empfangen. Man einigte sich darauf, am  24. August 1939 den  “Hitler-Stalin-Pakt” -  wie ihn die Geschichtsschreibung nannte und heute noch nennt -   in Moskau zu unterzeichnen. Ein Abkommen, dass im Sommer 1941 mit dem Einmarsch deutscher Truppen in Russand null und nichtig wurde.

Am 31. August 1939 hatte Molotow den Pakt mit Hitler öffentlich gelobt. Er sagte auf  einer Sondersitzung des Obersten Sowjets: “Der `Abschluss des sowjetisch-deutschen (sic!) Nichtangrifspakts zeigt, dass Genosse Stalins historischer Weitblick auf brillianteste Weise bestätigt wurde.”  Das geheime Zusatzprotokoll erwähnte Molotow natürlich nicht.

Moskau hat die Existenz dieses Zusatzprotokolls  (z.B. zur Zerschlagung Polens und zur Annektierung Finnlands und der Baltischen Staaten)   immer wieder  bestritten. Der spätere Außenminister Andreij GROMYKO  (1957-1985) nannte diese zusätzlichen Absprachen später  eine “unverschämte Geschichtsfälschung”.

Die Welt erfuhr vom Einmarsch der deutschen Truppen in Russland am 22. Juni 1941 morgens um 3 Uhr. Aus dem Führerhauptquartier liess Hitler über alle deutschen Rundfunksender mitteilen, die deutsche Wehrmacht sei  “zur Abwehr der drohenden Gefahr aus dem Osten mitten in den gewaltigen Aufmarsch der feindlichen Kräfte hineingestossen.”

Stalin reagierte erst am 3. Juli 1941 auf den deutschen   Einmarsch – ohne  Kriegserklärung.  In einer Rundfunkansprache an die “Genossen, Brüder und Schwestern, Kämpfer unserer Armee und Flotte”  verdammte Stalin den  Pakt-Genossen Hitler, der  mit dem “verbrecherischen militärischen Überfall auf unsere Heimat wortbrüchig” geworden sei. Die beiden Dikatatoren Stalin und Hitler waren über Nacht zu Erzfeinden geworden.

Dr.Detlef R. Peters

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