Vor 73 Jahren: “Reichskristallnacht”

GiNN-BerlinKontor.—Vor 73 Jahren – am 9. November 1938 – ordnete das national-sozialistische Regime in Deutschland Gewaltmaßnahmen gegen die im “Reichsgebiet” lebenden die Juden an. Über 400 jüdische Deutsche wurden ermordet oder in die Selbsttötung getrieben. Jüdische Geschäfte, Wohnungen und Friedhöfe  wurden von Hitlers SA-Banditen zerstört – über 1 400 Synagogen und andere jüdische Versammlungshäuser gingen in Flammen auf. Ab dem 10. November wurden ungefähr 30.000 Juden in NS-Konzentrationslagern inhaftiert, von denen Hunderte ermordet wurden oder an den Haftfolgen starben. Die Nazi-Propaganda sprach von einer “Reichskristallnacht”. Der 9.11.1038 markiert den Übergang von der Diskriminierung der deutschen Juden seit 1933 zur systematischen Verfolgung, die in den Holocaust an den europäischen Juden im Machtbereich der Nationalsozialisten mündete.

Der US-amerikanische Botschafter der Vereinigten Staten von Amerika in Berlin, Philip D. MURPHY, schrieb dazu folgenden Beitrag in der “Jüdischen Allgemeinen”, den GiNN-BerlinKontor dokumentiert:
“Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei hatte einst einen Plan. Er bestand darin, die deutsche Gesellschaft zu vereinheitlichen und zu „reinigen“, indem man sie von den sogenannten undeutschen Elementen befreien wollte – von den Schwachen, den Lahmen, den „Entarteten“ und natürlich den Juden. „Wenn wir nur“, so dachte sie, „alle Außenseiter aus unserer Mitte entfernen könnten, dann würde unsere Welt reibungslos funktionieren, und unsere Gesellschaft könnte in Frieden leben“.

Die sogenannte Kristallnacht ist die Nacht, in der dieser Plan in ganz Deutschland Gestalt annahm. Als am 9. November 1938 Tausende Glasscheiben zersplitterten, wurden dem Schrecken des Holocausts und einem Weltkrieg Tür und Tor geöffnet, an dem die deutsche Gesellschaft zerbrach.

Die Ironie des Schicksals besteht darin, wie kläglich dieser Plan scheiterte. Die Nationalsozialisten wollten ihre Gesellschaft des-integrieren, sie von „fremden Elementen“ säubern, um sie, so dachten sie, auf diese Weise zu retten. Stattdessen zerstörten sie ihre Gesellschaft – und sich selbst.

Dennoch ist Deutschland heute für viele Menschen, deren Wurzeln fern der deutschen Heimat liegen, ein Zuhause geworden. Fast jedes dritte Kind, das in der stärksten und leistungsfähigsten Volkswirtschaft Europas lebt, kann seine Vorfahren und seine Kultur an einen weit entfernten Ort zurückverfolgen.

Eine weitere Ironie – es ist richtig: Eine Gesellschaft kann auseinanderbrechen. Wenn sie nicht gehegt und gepflegt wird, wenn sie nicht durch zivile Institutionen und lebendige kulturelle Traditionen zusammengehalten wird, dann kann eine Gesellschaft auseinandergerissen werden – von innen oder von außen.

In den Vereinigten Staaten haben wir diesen sozialen Zusammenhalt immer stolz unseren amerikanischen „Schmelztiegel“ genannt, in dem unzählige unterschiedliche Identitäten von Einwanderern zu einem bunt gemischten Ganzen verschmelzen. Die Metaphern von heute sind differenzierter und ausgereifter. Einige sprechen von einem farbenfrohen Flickenteppich der Kulturen, einem Patchwork aus unterschiedlichen Lebensentwürfen, das zu einem harmonischen Ganzen zusammengefügt wird. Reverend Jesse Jackson spricht von vielen wohlschmeckenden Gemüsesorten in einem Eintopf, die ihm sein Aroma verleihen, trotz alledem aber ihre besonderen Eigenschaften behalten. Diese neuen Bilder sollen verdeutlichen, dass Integration keine Verschmelzung oder Auflösung ist oder gar den Verlust der eigenen Identität bedeuten muss.

Die Gegner der Integration kommen sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Deutschland aus allen Bereichen des politischen Spektrums. Einige befürchten das Aussterben einzigartiger Minderheitenkulturen, andere befürchten, dass die historisch gewachsenen Traditionen der Mehrheitskultur verblassen oder geschwächt werden. Diese Kritiker sehen nur den Verlust und übersehen dabei, was wir gewinnen können, wenn Kulturen und Traditionen gemeinsam die Zukunft gestalten. Echte Verluste gibt es nur, wenn man versucht, Menschen gewaltsam auseinander zubringen, wie wir es durch die soziale Aufspaltung in den 30er- und 40er-Jahren des 20. Jahrhunderts erlebt haben. So etwas darf nie wieder geschehen.

Soziale Integration ist vielmehr eine tagtägliche Notwendigkeit. Unabhängig davon, ob der neue Nachbar aus Mannheim, Madrid oder Mumbai kommt, müssen wir sie leben. Es ist einfach nur logisch – für den Erfolg in Wirtschaft und Handel, für kulturelles Wachstum und Kreativität, in jedem Bereich unseres Lebens: Ein Problem aus mehreren Blickwinkeln zu betrachten, ist immer besser, als auf einem einzigen Lösungsweg zu beharren. Die heutige Welt ist zunehmend komplex und transnational. Weniger wie eine Monokultur und mehr wie die gesamte Menschheit auszusehen und zu denken, bedeutet ganz einfach, dass man über ein breiteres Spektrum an Möglichkeiten – und Lösungen – für morgen verfügt.

Dieses Fließende, diese einzigartige Fähigkeit, sich anzupassen, sich zu verändern, zu wachsen und sich zu erneuern, ist – laut Wissenschaft – genau das, was uns als Menschen so überaus erfolgreich macht. Eine Gesellschaft, die neue Ideen aufnimmt und sich ändern kann, bleibt beweglich und wächst; eine Gesellschaft, die dies nicht kann, wird brüchig und kann auseinanderfallen.

Um die schmerzlichen Scherben der Vergangenheit aufzusammeln und zu einem lebendigen, dynamischen Mosaik zusammenzufügen, bedarf es eines enormen Sinneswandels. Das moderne Deutschland hat diesen großen Schritt erfolgreich gemeistert. Es kann stolz auf das sein, was es erreicht hat. Es kann stolz auf das sein, was es heute ist und morgen noch werden kann.” (Quelle: Amerika-Dienst (AD – US-Botschaft Berlin)

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