Vor 70 Jahren: Stalin-Hitler-Pakt

GiNN-BerlinKontor.—Vor 70 Jahren unterzeichneten im Beisein von Josef STALIN, seit 1922  Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU), Reichsaußenminister Joachim VON RIBBENTROP,  Moskau-Botschafter F.W. Graf VOM DER SCHULENBURG, UdSSR-Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten Wjatscheslaw MOLOTOW und  Boris SCHAPOSCHNIKOW, Generalstabschef der Roten Armee, einen deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt – auch Hitler-Stalin-Pakt genannt.  Beim Studium der Vorgeschichte dieses kommunistisch-faschistischen  Paktes drängt sich der Eindruck auf, dass dieses eine Woche vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges mit heisser Nadel gestrickte Abkommen zwischen den beiden Diktatoren in Berlin und in Moskau eigentlich  “Stalin-Hitler-Pakt”  heissen müsste. Stalin nannte Hitler bei der Unterzeichnung des Paktes in Moskau einen “Prachtkerl”.

Der sowjetisch-deutsche Nichtangriffspakt, der am 24. August 1939 in Moskau mit dem Datum vom 23. August 1939  unterzeichnet wurde, war ursprünglich auf 10 Jahre begrenzt.  Das Abkommen knüpfte an den Berliner Vertrag von 1926 an und damit an den Vertrag von Rapallo.  Deutschland garantierte die sowjetische Neutralität bei einer Auseinandersetzung mit Polen und den Westmächten und räumte der Sowjetunion die Möglichkeit ein, die im Ersten Weltkrieg verlorenen Territorien Russlands ohne Eingreifen des Deutschen Reiches  zu besetzen.  Moskau bestand 1938/39 in Vorverhandlungen mit Berlin auf einen Nichtangriffspakt mit geheimen Zusatzprotokoll, in dem verbindlich “Interessensphären der Sowjetunion”  in Polen, Finnland, Estland, Litauen und Lettland festgeschrieben werden sollten.

Die Kontakte zwischen Moskau und Berlin waren auf Weisung Stalins von dem sowjetischen Aussenminister Maxim Maximowitsch LITWINOW vorbereitet worden. Wenige Monate vor Unterzeichnung des Paktes mit Nazideutschland entliess Stalin jedoch Litwinow, der seit 1930  Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten unter Stalin war.  In Moskau hiess es damals,  es sei dem deutschen Außenminster und vor allem dem Reichskanzler Adolf HITLER  nicht  “zuzumuten, mit einem jüdischen Minister zu verhandeln”.  Litwinow musste gehen und die Amtsgeschäfte am 03. Mai 1939 an Molotow abgeben, der schließlich die Verhandlungen mit der nationalsozialistischen Regierung in Berlin forcierte und zum Abschluss brachte.

Maxim Litwinow, mit bürgerlichem Namen Meir Henoch Mojszewicz WALLACH-FINKELSTEIN,  war als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie 1876 in Białystok geboren worden, dass damals unter russischer Verwaltung stand.  Er diente später in der russischen  Armee und lernte im Kaukasus Stalin kennen.  Litwinow hatte sich 1898 der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands angeschlossen.  1900 wurde er verhaftet. Nach 18-monatiger Gefangenschaft  lebte Litwinow als Journalist im Exil in der Schweiz. Später holte ihn Stalin als außenpolitischen Berater und danach Außenminister in den Kreml.

Vor Kriegsbeginn fungierte Litwinow auch als  “Kontaktperson” Stalins  zu US-Präsident Franklin D. ROOSEVELT und zum britischen Premierminister Winston CHURCHILL.  Litwinows Außenpolitik war von dem Versuch geprägt, die Isolation der kommunistischen Sowjetunion zu überwinden und die diplomatische Anerkennung der UdSSR als Staat durch die USA durchzusetzen.  Dies gelang ihm in der Amtszeit  Roosevelt, der in der UdSSR ein Gegengewicht zu Deutschland und Japan sah. Als Hitler Russland am 22. Juni 1941 angriff, schickte Stalin seinen Ex-Außenminister Litwinow als Botschafter nach Washington D.C.

Litwinow war noch im Amt als bereits am 17. April 1939 der sowjetische Botschafter in Berlin, Alexej MEREKALOW,  auf Weisung Stalins im Berliner Auswärtigen Amt vorstellig wurde.  Nach Aufzeichnungen des Staatssekretärs im Auswärtigen Amt in Berlin, Ernst-Heinrich  VON WEIZSÄCKER, hatte der sowjetische Diplomat eindeutig den Auftrag des Kreml , “erste einleitende Schritt zu einer Verständigung mit Deutschland” auszuloten.  Botschafter Merekalow erklärte dem “SS-.Brigadeführer” und deutschen Chefdiplomaten von Weizsäcker, “für Moskau bestehe kein Grund, weshalb es nicht mit  Deutschland auf einen normalen Fuss leben sollte.  Aus normalen Beziehungen könnten auch wachsend bessere werden.”

Stalin hatte schon früher erkennen lassen, dass er mit Deutschland  “ins Reine” kommen wolle. Mit großem Unbehagen mußten London und Paris zur Kenntnis nehmen, dass Stalin – zur gleichen Zeit, als er mit Großbritannien und Frankreich über ein  “Abkommen zur kollektiven Sicherheit” gegen Deutschland verhandelte, gleichzeitig  “daran ging, einen Pakt mit dem Deutschen Reich abzuschliessen”.   Außenminister Molotow gab später zu Protokoll, dass  “Genosse Stalin mehrfach die Möglichkeit andeutete, dass es zwischen Deutschland und der UdSSR eine ganze Reihe nichtfeindlicher und gutnachbarlicher Beziehungen gegeben könne.”

Mitte Juni 1939 fiel auch auf dem diplomatischen Parkett in Berlin zum ersten Mal das Wort “Nichtangriffspakt”.  Georgi ASTACHOW, Botschaftsrat an der sowjetischen Botschaft, berichtete dem bulgarischen Botschafter Parvan DRAGONOFF: “Wenn das Deutsche Reich die Erklärung abgibt, die UdSSR nicht anzugreifen, oder mit ihr einen Nichtangriffspakt abschliesst, so wird die Sowjetunion wohl von einem Vertrag mit England Abstand nehmen.”

Am 26. Juli 1939 überbrachte der deutsche Legationsrat Karl SCHNURRE laut Aufzeichnungen des Archivs im US State Department dem sowjetischen Botschaftsrat Astachow die Botschaft, das Deutsche Reich sei bereit,   “alle Garantien zu liefern”.

Am 17. August nahm die deutsche Reichsregierung die Offerte des Kreml an.  An diesem Tag übergab der deutsche Botschafter in Moskau Graf von der Schulenburg dem sowjetischen  Außenminister Molotow eine Note, in der dem  Nichtangriffspakt zugestimmt wurde.  Auch mit dem “vertraulichen Sonderprotokoll bezüglich der Interessensphären der Sowjetunion”  war die deutsche Reichsregierung  einverstanden.

Stalin beeilte sich, Hitler noch am gleichen Tag mizuteilen, dass er nun bereit sein, den deutschen Außenminister zur Unterzeichnung des Abkommens zu empfangen.  Man einigte sich auf den 23./24. August zur Unterzeichnung des “Stalin-Hitler-Paktes” oder wie die Geschichtschreibung bis heute formuliert: des “Hitler-Stalin-Pakts”, der durch den Einmarsch deutscher Truppen in Russland im Sommer 1941 null und nichtig wurde.

Auf einer Sondersitzung des Obersten Sowjets am 31. August 1939 lobte Molotow erstmals das Stalin-Hitler-Abkommen öffentlich:  “Der Abschluss des sowjetisch-deutschen Nichtangriffspakts zeigt, dass Genosse Stalins historischer Weitblick auf brilliante Weise bestätigt wurde.”  Das geheime Zusatzprotokoll mit Hitler erwähnte er nicht.  Später wurde die Existenz dieser Vereinbarung zur Zerschlagung Polens von Moskau abgestritten.  Der spätere sowjetische Außenminister Andreij GROMYKO (von 1957 bis 1985 sowjetischer Außenminister) nannte es mehrfach eine “unverschämte Geschichtsfälschung”.

Die Welt erfuhr von Hitlers Überfall auf Russlands im Sommer 1941 durch eine Sondermeldung aus dem Führerhauptquartier: “Zur Abwehr der drohenden Gefahr aus dem Osten ist die deutsche Wehrmacht am 22. Juni, 3.OO Uhr früh, mitten  in den gewaltigen Aufmarsch der feindlichen Kräfte hineingestossen.”

Stalin reagierte erst am 3. Juli 1941 mit einer Rundfunkansprache an die “Genossen! Brüder und Schwestern! Kämpfer unserer Armee und Flotte!”. Er verdammte den  “von Hitler-Deutschland am 22. Juni wortbrüchig  begonnene militärische Überfall auf unsere Heimat”. Die beiden Dikatoren Stalin und Hitler waren über Nacht zu Erzfeinden geworden.
Detlef  R. Peters

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