Stalins Pakt mit Hitler – vergessen?

GiNN-BerlinKontor.—Am 8./9. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg mit der bedingungslosen Kapitulation der reichsdeutschen Wehrmacht. Washington, Moskau, London und Paris begehen diesen “Tag des Sieges und der Befreiung vom Nationalsozialismus” als Feiertag mit Militärparaden. Als nach 6 Jahren endlich die Waffen schwiegen, waren über 50 Millionen tot.

Bundeskanzlerin Angela MERKEL wird am 10. Mai nach Moskau reisen. Es werde für sie “ein sehr wichtiger Moment sein”, sagte sie in Berlin  und fügte hinzu: . “Wir haben mit Russland im Augenblick sehr tiefgehende unterschiedliche Meinungen gerade auch über die Fragen dessen, was in der Ukraine abläuft. Und trotzdem ist es mir wichtig, am 10. Mai dort gemeinsam mit dem russischen Präsidenten Wladimir PUTIN einen Kranz am Mahnmal des unbekannten Soldaten niederzulegen, um der Millionen Toten zu gedenken, die Deutschland aus dem Zweiten Weltkrieg heraus zu verantworten hat.”

Die Bundeskanzlerin warnte davor, unter Geschichte  einen Schlussstrich zu ziehen. “Wir Deutschen haben eine besondere Verantwortung, aufmerksam, sensibel und auch kundig mit dem umzugehen, was wir in der Zeit des Nationalsozialismus angerichtet haben”, betonte die deutsche Regierungschefin. Das gelte auch mit Blick auf langandauernde Verletzungen und Sorgen in anderen Ländern.  

Zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs gehört auch der so genannte Hitler-Stalin-Pakt, der die Sowjetunion und das Deutsche Reich eine Woche vor Ausbruch des Krieges Nr. II zu Verbündeten machte. An die Vorgeschichte dieses Paktes – von Historikern, Politikern und Journalisten allzu oft “ausgeklammert” – auch noch 2015 – sei hier nochmal erinnert:

Am 24. August 1939 – unterzeichneten auf Einladung von Josef STALIN (!), seit 1922 Generalsekretär des Zentralkomitees der kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) und ab 1941 Vorsitzender des Rates der Volkskommissare (Regierungschef) der UdSSR und Hitlers Reichsaußenminister Joachim VON RIBBENTROP,  der UdSSR-Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, Wjatscheslaw MOLOTOW, sowie der Generalstabschef der Roten Armee, Boris SCHAPOSCHNIKOW, den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt – auch Hitler-Stalin-Pakt genannt.

Beim  Studium  der Vorgeschichte dieses Paktes drängt sich der Eindruck auf, dass dieser kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs mit heißer Nadel gestrickte PAKT zwischen den beiden Diktatoren in Moskau und in Berlin eigentlich “Stalin-Hitler-Pakt” heißen müsste. Quod est demonstrandum:

Im deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt ließ sich das Deutsche Reich von Moskau die uneingeschränkte Neutralität im Falle einer Auseinandersetzung mit Polen und den Westmächten garantieren und räumte der Sowjetunion zudem ein, im Ersten Weltkrieg verlorene Territorien ohne  Eingreifen des Deutschen Reiches zu besetzen.

Schon in  den Vorverhandlungen mit Berlin hatte Moskau auf geheime “Zusatzprotokolle”  bestanden, in denen verbindlich die Interessen der Sowjetunion – z.B. an Polen, Finnland, Estland, Litauen und Lettland – festzuschreiben seien.

Nachdem Polen “niedergerungen” war hielten Truppen der Wehrmacht und un der Roten Armee in Brest-Litowsk eine gemeinsame Militärparade ab, Hakenkreuz- und Rote Fahne wurden feierlich ausgetauscht und , verwundete, von sowjetischen Ärzten versorgte  Wehrmachtssoldaten übergeben.

Nach der polnischen Niederlage wurden am 28. September zusätzlich ein deutsch-sowjetischer „Grenz- und Freundschaftsvertrag“ und weitere geheime Zusatzvereinbarungen unterzeichnet. Litauen fielen nach kurzer  Rücksprache Stalins mit Hitler Estland, Lettland und Litauen Protektorate der UdSSR.

Vorgeschichet: Erste Kontakte zwischen Moskau und  Berlin waren auf Weisung Stalins von dem sowjetischen Außenminister Maxim LITWINOW vorbereitet worden.  Der Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten – seit 1930 im Amt – wurde jedoch von Stalin wenige Monate vor den deutsch-sowjetischen Schlußverhandlungen entlassen. In Moskau hies es damals, es sei dem deutschen Reichsaußenminister Ribbentrop und vor allem dem Reichskanzler Adolf HITLER  “nicht zuzumuten, mit einem jüdischen Minister zu verhandeln”. Litwinow mußte gehen und die Amtsgeschäfte übernahm am 3. Mai 1939 Molotow, der dann auch die Verhandlungen mit Berlin forcierte und zum Abschluss brachte.

Maxim LITWINOW, mit bürgerlichem Namen Meir Henoch Mojsyewicz WALLACH-FINKELSTEIN, war als Sohn  einer jüdischen Kaufmannsfamilie 1876 in Bialistok geboren, das damals unter russischer Verwaltung stand. Er diente später  in der russischen Armee und lernte Stalin im Kaukasus kennen.

Liwinow, seit 1898 Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands, wurde 1900 verhaftet. Nach 18 Monate Haft arbeitete er in der Schweiz als Journalist. Später holte ihn Stalin als außenpolitischen Berater und danach als  “Außenminister” in den Kreml.

Vor Kriegsbeginn fungierte Litwinow auch als Kontaktperson zu Präsident Franklin D. ROOSSEVELT und zum britischen Premierminister Winston CHURCHILL. Es soll immer wieder versucht  haben, die internationale Isolation der kommunistischen Sowjetunion zu überwinden und die diplomatische Anerkennung .der UdSSR als Staat durch die USA durchzusetzen. Dies gelang ihm schließlich wohl auch, weil Roosevelt zu Deutschland und Japan in Europa ein “Gegengewicht” wollte. Nachdem Hitler am 22.Juni 1941 die Sowjetunion angegriffen hatte, schickte Stalin Litwinow als Botschafter nach Washington D.C.

Zur Erinnerung: Litwinow  war noch im Amt gewesen,  als bereits am 17. April 1939 der russische  Botschafter in Berlin, Alexej MEREKALOW,  auf nWeisung Stalins im Berliner Auswärtigen Amt vorstellig wurde. Nach Aufzeichnungen des Staatssekretärs im AA Ernst Heinrich VON WEIZSÄCKER hatte der sowjetische Botschafter “auszuloten.”

Botschafter Merekalow erklärte dem damaligen deutschen Chefdiplomaten, für Moskau bestehe kein Grund, warum die UdSSR nicht “mit Deutschland auf einen normalen Fuß leben sollte”. Aus normalen Beziehungen könnten  auch “wachsend bessere werden”.

Stalin hatte schon früher erkennen lassen, dass er mit dem Deutschen Reich “ins Reine”  kommen wolle. Mit großem Unbehagen mussten London und Paris zur Kenntnis nehmen, dass Stalin zur gleichen Zeit mit Großbritannien und Frankreich über ein “Abkommen der kollektiven Sicherheit” verhandelte, und zur gleichen Zeit einen Pakt mit dem Deutschen Reich vorbereitete.

Außenminister Molotow gab später zu Protokoll, dass  “Genosse Stalin mehrfach die Möglichkeit angedeutet hat, dass es zwischen Moskau und Berlin eine ganze Reihe nicht-feindlicher und gutnachbarlichen Beziehungen geben könne”.

Mitte Juni 1939 – so wurde protokolliert – fiel auf dem diplomatischen Parkett in Berlin erstmals das Wort “Nichtangriffspakt”. Georgi ASTACHOW, Botschaftsrat an der sowjetischen Botschaft in Berlin,  berichtete demnach dem bulgarischen Botschafter Parvan DRAGONOF, wenn die deutsche Reichsregierung  erklären würde,  die UdSSR nicht anzugreifen und dies in einem Nichtangriffspakt unterschreibe, werde “die Sowjetunion wohl von einem Vertrag mit London Abstand nehmen.”

Am 26. Juli 1939 überbrachte der deutsche Legationsrat Karl SCHNURR – laut Aufzeichnungen im Archiv des US State Departments und des AA – dem sowjetischen Botschaftsrat Astachow die Mitteilung, dass  Berlin  bereit sei,  “alle Garantien zu liefern”.

Am 1. August 1939 nahm die deutsche Reichsregierung die Offerte des Kreml endgültig an.  Der deutsche Botschafter in Moskau, .F.M. Graf VON DER SCHULENBURG (er wurde im November 1944 als Widerstandskämpfer hingerichtet), übergab dem sowjetischen Außenminister Molotow eine Note, in der Berlin dem Nichtangriffspakt zustimmte. Auch mit dem “vertraulichen Sonderprotokoll” bezüglich der “Interessensphären” des Kreml war die deutsche Reichsregierung einverstanden.

Stalin  beeilte sich, Hitler noch am gleichen Tag mitzuteilen, dass er nun bereit sei, den deutschen Außenminister von Ribbentrop zur Unterzeichnung des Paktes zu empfangen. Man einigte sich darauf, am  24. August 1939 den  “Hitler-Stalin-Pakt” -  wie ihn die Geschichtsschreibung nannte und heute noch nennt -  in Moskau zu unterzeichnen. Ein Abkommen, dass im Sommer 1941 mit dem Einmarsch deutscher Truppen in Russland null und nichtig wurde.

Zuvor hatte Hitler in einer Depesche an Stalin am 20. August 1939 den von Molotow vorbereiteten Entwurf eines Nichtangriffspaktes  akzeptiert.

Charles Callan TANSILL (Georgetown University)  notierte 1958 dazu in seinem Buch “Back Door To War”: “Damit war die Bühne fertig für eine sowjetisch-deutsche Übereinkunft.”

 

31. August 1939 lobte  Molotow den Pakt mit Hitler. Er sagte auf  einer Sondersitzung des Obersten Sowjets: “Der Abschluss des sowjetisch-deutschen (sic!) Nichtangriffspakts zeigt, dass Genosse Stalins historischer Weitblick auf brillianteste Weise bestätigt wurde.”  Das geheime Zusatzprotokoll erwähnte Molotow natürlich nicht.

Moskau hat die Existenz dieses Zusatzprotokolls  (z.B. zur Zerschlagung Polens und zur Annektierung Finnlands und der Baltischen Staaten)   immer wieder  bestritten. Der spätere Außenminister Andreij GROMYKO  (1957-1985) nannte diese zusätzlichen Absprachen später  eine “unverschämte Geschichtsfälschung”.

Die Welt erfuhr vom Einmarsch der deutschen Truppen in Russland am 22. Juni 1941 morgens um 3 Uhr. Aus dem Führerhauptquartier ließ Hitler über alle deutschen Rundfunksender mitteilen, die deutsche Wehrmacht sei  “zur Abwehr der drohenden Gefahr aus dem Osten mitten in den gewaltigen Aufmarsch feindlicher Kräfte in Russland hineingestoßen.”

Stalin reagierte erst am 3. Juli 1941 auf den deutschen  Einmarsch – ohne  Kriegserklärung.  In einer Rundfunkansprache an die “Genossen, Brüder und Schwestern, Kämpfer unserer Armee und Flotte”  verdammte Stalin den Pakt-Genossen Hitler, der mit dem “verbrecherischen militärischen Überfall auf unsere Heimat wortbrüchig” geworden sei. Die beiden Diktatoren Stalin und Hitler waren über Nacht zu Erzfeinden geworden.

-Ps

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