Staatsbesuch in Frankreich

GiNN-BerlinKontor.—Während seines Staatsbesuchs in der Französischen Republik hat Bundespräsident Joachim GAUCK bei einem Abendessen, gegeben vom Präsidenten der Französischen Republik, François HOLLANDE, erklärt, bei der Überwindung der EURO-Krise sei “nichts dringlicher als Verlässlichkeit und Vertrauen”. erfordert. Wir dokumentieren die Rede des Bundsespräsidenten:
“Es ist jetzt genau 58 Jahre her, dass im Sommer des Jahres 1955 ein 15-jähriger Jugendlicher aus dem Osten Deutschlands durch Paris lief. Er sah, wovon damals viele andere nur träumten: die Metro, die Markthallen mit ihren üppigen Auslagen, die Lebendigkeit und die Freiheit, die diese Stadt und ihre Bewohner atmeten! Den Arc de Triomphe und den Eiffelturm, Notre-Dame und die Champs-Elysées! Auch hier, am Elysée-Palast, wird er vorbeigekommen sein. Sie ahnen, wer dieser Junge war.
Ich erwähne diese Erinnerungen, weil Frankreich für mich immer etwas Besonderes sein wird: das Land der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte. Das Land, in dem Bürgerinnen und Bürger für Freiheit auf die Barrikaden gegangen sind. Das Land, dessen Losung “liberté, égalité, fraternité” Grundlage unseres Zusammenlebens in Europa ist und noch heute in vielen Teilen der Welt Menschen in ihrem Streben nach Demokratie und Teilhabe inspiriert.

 

Zu Recht hat diese “magische Formel” – wie Ernest Renan sie nannte – Aufnahme gefunden in den zweiten Band der “Europäischen Erinnerungsworte”, ein Gemeinschaftswerk über die Orte, Gestalten, Begriffe, Mythen und Institutionen, an denen sich das kollektive Gedächtnis von uns Europäern kristallisiert.

Auch unsere beiden Länder kennen und teilen solche Orte: Ludwigsburg und die Rede Charles de Gaulles, Reims und die Umarmung zwischen de Gaulle und Adenauer, Mitterand und Kohl Hand in Hand vor dem Beinhaus von Verdun.
Wir haben diese – auch im Rückblick noch wunderbar erscheinenden – Stationen der Annäherung zwischen unseren Ländern Revue passieren lassen, als wir vor wenigen Monaten den 50. Jahrestag des Elysée-Vertrags feierten. Aber ich meine, dass es für unsere beiden Länder sehr wichtig ist, dass und wie wir uns auch jenseits der runden Feiertage an das gemeinsam Erreichte erinnern: zum Beispiel an die wunderbare Tatsache, dass ganze Generationen von Deutschen mit Frankreich, seinen Menschen und den Werten, die Ihr Land verkörpert, fast familiär verbunden sind. Diese Deutschen haben nicht nur Freunde in Frankreich gewonnen, ihnen ist Frankreich zum Freund geworden. Aus nicht wenigen dieser Freundschaften sind Ehen und beiden Völkern verbundene Kinder entstanden. Vielen ist der Weg zum Nachbarn erleichtert worden, weil das Deutsch-Französische Jugendwerk seit über 50 Jahren französische und deutsche Jugendliche zusammenführt. Im Laufe der Jahre waren es über acht Millionen. Mehr als 2.000 Städtepartnerschaften, hunderte deutsch-französische Vereinigungen, Schul- und Universitätspartnerschaften, die Zusammenarbeit über die Grenze hinweg, unser gemeinsamer Fernsehsender ARTE und die Deutsch-Französische Hochschule lassen uns mit Stolz und Freude auf ein unvergleichlich dichtes, lebendiges und tragfähiges Netz unserer Beziehungen blicken.
“Die Wirklichkeit entsteht erst in der Erinnerung” – Marcel Proust hat das gewusst und in seinen Werken lebendig gemacht. Erinnerungen prägen unser Bild von uns selbst und davon, was wir uns zutrauen, sie können hemmen oder beflügeln. Ich werde zum Beispiel nicht aufhören, 1989 als Schatz in unserem nationalen Erinnerungsgut zu empfinden: Auch Deutsche können Revolution! Gerade wir Deutschen wissen aber ebenso, wie wichtig Erinnerung auch an dunkle Seiten der Geschichte ist, wie wichtig eine ehrliche Auseinandersetzung mit Schuld ist und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Ich bin dankbar und bewegt, morgen gemeinsam mit Ihnen, Herr Präsident, Oradour-sur-Glane besuchen zu können.

Es tut unseren Ländern und unseren Beziehungen in dieser spannungsgeladenen Zeit gut, uns bewusst zu machen, was wir in Europa gemeinsam erreicht haben und was es nun zu bewahren und in der Welt zu vertreten gilt: Demokratie und Rechtstaatlichkeit, die Überwindung von Krieg und Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung zwischen den Völkern und den Abbau von Grenzen, Solidarität mit denen, die sich aus eigener Kraft nicht helfen können und die Absage an Rassismus und Diskriminierung von Minderheiten.

Nun bin ich hier nicht “auf der Suche nach der verlorenen Zeit”: Der Blick in die Vergangenheit kann uns ermutigen. Bewahren aber können wir das Erreichte nur, indem wir uns den Aufgaben unserer Zeit stellen und Veränderung zulassen. Unser größtes gemeinsames Thema ist und bleibt wohl Europa. Wie gelingt es uns, die augenblickliche Krise wirtschaftlich und politisch zu überwinden? Wie kann Europa gestärkt aus der Krise hervorgehen?

Darüber hinaus verbinden uns aber auch Fragen wie: Wie bleiben unsere Unternehmen an den globalen Märkten und gegenüber immer neuer Konkurrenz wettbewerbsfähig? Wie sichern wir die historischen Errungenschaften des Sozialstaats, ohne ihn zu überfordern? Welche Lasten dürfen wir kommenden Generationen aufbürden? Wie sichern wir die Bildungsgrundlagen, die es ihnen ermöglichen, mündige und eigenverantwortliche Bürgerinnen und Bürger zu werden?
Jedem hier im Saal ist klar, wie groß und wie mühsam diese Aufgaben, wie kleinteilig und umstritten ihre Details sind. Es sind übrigens Aufgaben, die – anders, als es die veröffentlichte Meinung manchmal erscheinen lässt – in unseren beiden Ländern anstehen. Bei Reformen ist jeder zunächst für sich gefordert – und es gibt erste ermutigende Fortschritte in einigen europäischen Ländern, die zeigen: Die Anstrengungen lohnen sich.

Reformen – das Wort sagt sich leicht. Veränderungen aber haben viele kleine und große Gegner: Angst, Bequemlichkeit, auch tief eingelagerte Prägungen stehen ihnen im Weg. Wir fürchten, dass wir etwas verlieren könnten, sehen aber nicht, was wir möglicherweise gewinnen. Auch hier meine ich: Wir können Kraft ziehen aus dem, was uns früher schon gelungen ist. Wir Europäer haben so vieles, auf das wir bauen können: auf unsere humanen Werte, auf Weltoffenheit und Erfindergeist. Wir sind aufgeschlossen für Neues und haben uns zugleich das Empfinden für unsere Kulturschätze und Traditionen bewahrt. Menschen aus aller Welt finden das anziehend.
Vielleicht sollten wir dankbar dafür sein, dass die gegenwärtige Krise uns Europäer zwingt, mit uns selbst ehrlich zu sein, Schwächen offen zu legen und zu beheben. Unser Anspruch ist doch, als freies und friedliches, starkes und fortschrittliches, offenes und wettbewerbsfähiges, soziales und humanes Europa auch morgen eine gestaltende Rolle in dieser Welt zu spielen! Wenn wir dem gerecht werden wollen, werden wir noch viel offener sein müssen, jeweils vom Besten und den Besten in Europa zu lernen – in der Forschung, in der Innovation oder der beruflichen Bildung junger Menschen, um nur einige Beispiele zu nennen. Und wir müssen, genau dies lehrt die Krise, Europa selbst achten, indem wir treu und fest zu unseren europäischen Verpflichtungen stehen.

Unsere Ausgangspositionen in wichtigen Fragen können dabei ruhig unterschiedlich sein – wie sollte es auch anders sein bei zwei Nationen, die so unterschiedliche Geschichten, Erfahrungsschätze und damit auch Prägungen haben. Und warum sollten wir leugnen, dass es auch “freundschaftliche Spannungen” gibt beim Streit um den richtigen gemeinsamen Weg? Gerade dass unsere Länder traditionell unterschiedliche Positionen vertreten, macht ihre Kooperation wertvoll – wenn wir denn bereit sind, Kompromissen zu finden. “Wir lassen unsere Meinungsunterschiede nicht von anderen entscheiden”, soll Francois Mitterrand einmal gesagt haben.
Wenn wir uns einig geworden waren, kam oft auch Europa weiter. Das hat sich in schwierigen Situationen in den letzten Jahrzehnten immer wieder gezeigt. Das bleibt auch künftig unsere Verantwortung innerhalb der Europäischen Union – gerade in der heutigen Krise, deren Überwindung nichts dringlicher als Verlässlichkeit und Vertrauen erfordert.
Erinnern wir uns: Der unbedingte Wille, den die Väter der deutsch-französischen Annäherung und die Gründerväter der Europäischen Union zeigten – in einer historisch nicht weniger angespannten Zeit – er entsprang der Einsicht, dass wir in Europa nicht gegeneinander, sondern nur miteinander die Zukunft gewinnen können. Genauso können wir es heute formulieren. Mit ähnlichem Willen sollten wir die großen Fragen angehen, die übrigens den Gründungsvätern der europäischen Union schon präsent waren: Wo müssen und wie können wir die Kooperation zwischen souveränen Staaten verbessern, um eine innere Vereinheitlichung Europas zu bewirken? Hierüber sollten wir streiten – aber produktiv!

Wir können den heutigen Abend mit Diskussionen ausfüllen. Wir können aber auch den Alltag einen Moment lang vergessen und einfach nur unsere Freundschaft feiern! Denn nur in Freundschaft, dieser wunderbaren Form der Sympathie und der Vertrautheit zwischen unseren Völkern, können wir das, was wir uns erhoffen und wovon wir träumen, auch verwirklichen.
Erheben Sie mit mir das Glas auf das Wohlergehen von Präsident Hollande und Frau Trierweiler, auf die deutsch-französische Verständigung und auf unsere gemeinsamen Anstrengungen für ein prosperierendes Europa und eine friedliche Welt! (Quelle: bundespraesident.de)

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