“NS-Auswärtiges Amt war verbrecherische Organisation”

GiNN-BerlinKontor.—Deutsche Diplomaten im Reichsministerium des Auswärtigen waren an den Verbrechen des Nazi-Regimes beteiligt. Das Auswärtige Amt (AA) der Jahre 1933-1945  war – anders als bisher behauptet -  “in allen Maßnahmen der Verfolgung, Entrechtung, Vertreibung und Vernichtung der Juden von Anfang an aktiv beteiligt”. Das AA hatte dies jahrzehntelang vehement bestritten.  Eine internationale Historiker-Gruppe stellt nun fest: “Das Auswärtige Amt war eine verbrecherische Organisation”.

Bundesaußenminister Joschka FISCHER (Die Grünen) hatte im Juli 2005 eine Unabhängige Historikerkommission (UHK) eingesetzt, welche beauftragt wurde, die Rolle des Auswärtigen Dienstes in der Zeit des Nationalsozialismus, den Umgang mit dieser Vergangenheit nach der Wiedergrün­dung des Auswärtigen Amtes 1951 und die Frage personeller Kontinuität bzw. Diskonti­nuität nach 1945 zu erforschen. Die Kommission nahm im August 2006 ihre Arbeit auf und arbeitete in  “eigener fachlicher Verantwortung”,  unterlag also keinerlei Weisungen des AA.

Folgende Historiker wurden berufen:
Prof. Dr. Eckart Conze, Universität Marburg
Prof. Dr. Norbert Frei, Universität Jena
Prof. Dr. Peter Hayes, Northwestern University/Illinois
Prof. Dr. Klaus Hildebrand, Universität Bonn
Prof. Dr. Moshe Zimmerman, Hebrew University of Jerusalem.

Die Professoren und ihre wissenschaftlichen Mitarbeiter sichteten vier Jahre lang  in- und ausländischen Archive, durchforschten Sach- und  Personalakten – darunter auch das Poli­tische Archiv des Auswärtigen Amtes. Über die Auswertung und Analyse des Archivmaterials führte die UHK in Bonn und Berlin im März 2009 Zeitzeugenbefragungen von Angehörigen des Auswärtigen Dienstes der Bundesrepublik Deutschland – vor allem aus deren Gründungs- und Frühzeit des AA – durch. Die Forschungsergebnisse der UHK werden unter dem Titel „Das Amt und die Vergan­genheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik“  herausgegeben

Zum Ergebnis der Studie: “Das Auswärtige Amt war viel tiefer in den Holocaust verstrickt als bisher angenommen und hat nach 1945 erheblichen Aufwand betrieben, dies zu vertuschen.Entgegen der vom Auswärtigen Amt selbst nach 1945 verbreiteten Deutung, wonach die Diplomaten des Auswärtigen Amtes nach Hitlers Machtantritt auf ihren Posten ausharrten, um das Schlimmste zu verhindern, und sich gegenüber dem NS-Regime abschirmten, kam nun heraus, dass das Auswärtige Amt dem Vernichtungsapparat nicht nur zuarbeitete, sondern aktiv unterstützte”, zitiert die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung  (24.10.) einen der UHK-Professoren.

Bundesaußenminister und Vizekanzler  Guido WESTERWELLE  (FDP) bezeichnete die Historiker-Studie als “gewichtiges Werk”. Der Minister will die Ergebnisse des Berichtes künftig in die Attaché-Ausbildung  der Diplomatenakademie einbeziehen. Es werde zur Pflichtlektüre bei der künftigen Diplomatenausbildung. Im ARD-”Bericht aus Berlin” (24.10.)  sagte Westerwelle, der UHK-Report beinhalte “schockierde Erkenntnisse” über die Teilnahme von Spitzendiplomaten, die “tief in Verbrechen des Dritten Reiches involviert gewesen sind”. Der Außenminister verwies jedoch auch auf deutsche Diplomaten, die sich  “mit unglaublichen Mut für den Schutz von Menschen – von jüdischen Mitbürgern damals eingesetzt haben”.

Aus dem Auswärtigen Dienst gingen auch Widerstandskämpfer hervor wie Adam von Graf von Bernstorff, Eduard Brücklmeier, Hans-Bernd von Haeften, Ulrich von Hassell, Otto Kiep, Herbert Mumm v.on Schwarzenstein, Friedrich-Werner Graf von der Schulenburg, Georg Ferdinand Duckwitz Trott-Solz,  Gerhard Feine , Rudolf von Scheliha, Ulrich von Hassel und Ilse Stöbe, die als KPD-Mitglied für Moskau “arbeitete”.

Der frühere Außenminister Joschka FISCHER, der die Historiker-Studie anordnete,  sagte der FAS, es habe ihn  “entsetzt und erschüttert”, dass es im Auswärtigen Amt eine so genannte zentralen Rechtsschutzstelle gab,  bei der es sich in Wahrheit um eine “Täterschutzstelle” gehandelt habe, so Fischer. So seien Listen von im Ausland gesuchten Kriegsverbrechern angefertigt und verteilt worden, “damit keiner von ihnen dorthin fahre, wo ihm Verhaftung oder Verurteilung gedroht hätten”, empörte sich der Ex-Minister im SPIEGEL.

Der ehemalige Außenminister der Großen Koalition und jetzige Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion, Frank-Walter STEINMEIER, sagte dem SPIEGEL,  es sei “unglaublich”, dass bis zu einer systematischen Aufarbeitung fast 60 Jahre vergangen seien.

Das “Reichsministerium des Auswärtigen” leitete bis 1938 Konstantin Freiherr von Neurath. Er war bereits 1932 Außenminister und wurde später auch in die Kabinette Kurt von Schleichers und Adolf Hitlers als Chef des Auswärtigen Amtes berufen.  Hitler glaubte durch den inrternationalen Berufsdiplomaten von Neurath seinem unerfahrenen Kabinett auf internationalem Parkett mehr Ansehen und Seriosität verschaffen zu können. 1937 trat von Neurath der NSDAP bei und erhielt den Rang eines SS-Gruppenführers. 1938 – als die Sudetenkrise eskalierte und Hitler auf den Krieg zu marschierte -  wurde von Neurath entlassen und zum “Reichsminister ohne Geschäftsbereich” ernannt. Nachfolger wurde am 04.02.1938 Joachim VON RIBBENTROP.  Der neue Reichsminister des Auswärtigen  (RAM) und SS-Standartenführer Ribbentrop hatte zuvor – in Konkurrenz zum Auswärtigen Amt – die  “Auslandsorganisation der NSDAP”. geleitet.  Das Reichsaußenministerium unterstand eigentlich Hitler direkt.

Staatssekretär und somit höchster Beamter im AA wurde am 19.03.1938 Ministerialdirektor Ernst VON WEIZSÄCKER, der seit 1936 die Politische Abteilung im AA geleitet hatte. Weizsäcker soll sich laut UHK-Studie in dieser Eigenschaft im Mai 1936 dafür eingesetzt haben,  den Schriftsteller Thomas Mann  “auszubürgern”. Vonseiten des RAM bestünden dagegen  „keine Bedenken“. Ernst von Weizsäcker, der auch einen SS-Offiziersrang bekleidete,  war in einem der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse 1949 wegen  “Verbrechen gegen die Menschlichkeit – insbesondere seiner Rolle bei der Deportation französischer Juden ins Konzentrationslager Auschwitz” – zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden.  Sein Sohn -  Altbundespräsident Richard von Weizsäcker sagte dazu der FAS,  sein Vater  habe “bei allen Veränderungen der europäischen Situation unbedingt den Frieden bewahren” wollen. Deswegen sei dieser anders als im Bericht suggeriert, auch keine paradigmatische Figur, an der sich die Verstrickung des Auswärtigen Amts in den Holocaust exemplarisch belegen lasse.

Richtig ist, dass Ernst von Weiszäcker als Staatssekretär im AA  am 31.03.1943  auf Empfehlung Ribbentrops von Hitler entlassen wurde. Er hatte seinem Chef, dem Reichsaußenminister und somit auch Hitler, wohl all zu oft widersprochen.

Als sich die Sudetenkrise zuspitzte, und sich die Befürchtungen ausbreiteten, die USA könnten im Falle eines militärischen Konflikts in Europa eingreifen, forderte von Weizsäcker die Deutsche Botschaft in Washington D.C. zu einem Lage- und Stimmungsbericht auf. Botschafter Hans-Heinrich DIECKHOFF kabelte Ende Mai 1938 nach Berlin: “Wenn es aus Anlaß der tschechischen Sache zu einem großen Konflikt kommen sollte, in dem England hineingezogen wird, werden die Vereingten Staaten von Amerika auf Dauer nicht beiseite stehen, sondern gegen uns in den Konflikt eingreifen. Die Stimmung ist hier in den letzten Monaten noch sehr viel schärfer und bitterer geworden, und die wenigen Freunde, die wir vielleicht noch hatten, sind so ängstlich und stumm, dass nicht mehr viel da ist, was den Eintritt der USA in einen Krieg gegen uns aufhalten würde. Die Hetznachrichten aus Österreich haben hier in den weitesten Kreisen – keineswegs nur in jüdischen Kreisen – einen üblen Eindruck gemacht.”  Dieckhoff – erst seit 1937 Botschafter in Washington D.C. – wurde schon 1938 nach Berlin zurückgerufen – ein  ungewöhnlicher Vorgang im diplomatischen Geschäft.  Dieckhoff trat übrigens erst 1941 der NSDAP bei.

AA-Staatssekretär von Weizsäcker verfasste sofort nach Erhalt des cittisime der Deutschen Botschaft eine  “Denkschrift”, in der er vor einem  “kriegerischer Einatz des Dritten Reiches gegen die Entente England, Frankreich, Russland und USA”  nachdrücklich warnte. Sie könne nur in Betracht kommen,  “wenn diese uns angreift”.  Für das “Niederingen” Frankreichs und Englands fehle Deutschland “das militärische Rezept”, so von Weizsäcker damals. Selbst mit Hilfe Japans und Italien würde ein Krieg  “mit Deutschlands Erschöpfung und  Niederlage enden”.  Aufgabe der deutschen Diplomatie müsse es sein, “die Grenze klar zu erkennen, bis zu welcher die deutsche Politik jeweils vorangetrieben werden könne. Wichtig sei es – so das Weiszsäcker-Memorandum an Hitler/Ribbentropp – “die deutsche Politik unter landläufigen und bewährten Maximen wie Selbstbestimmungsrecht und völkische Gemeinschaft fortzuführen.”

Es war Ernst von Weizsäcker auch nicht entgangen, dass die Regierung in Moskau  bereits 1936 auf die Expansionsgelüste Hitler-Deutschlands reagierte -  und agierte.  Stalin entliess aber erst am 03.Mai 1939 seinen jüdischen Außenminister Maxim LITWINOW (mit bürgerlichem Namen Meir Henoch Mojszewicz Wallach-Finkenstein), der seit 1930 Volkskommissar für Auswärtigen Angelegenheiten war, und von Anfang an  ein “starkes Interesse für die neue Regiereung in Berlin” zeigte. Als sich die “Annäherung” des Kreml an Hitler-Deutschland abzeichnete, wurde in  Stalins Umgebung kolportiert, man könne Hitler doch nicht  “einen jüdischen Parlamentär zumuten”.  Litwinows Nachfolger wurde der hardliner Wjatscheslaw Molotow, der den Stalin-Hitler-Pakt zielstrebig vorantrieb. Der “Pole” Litwinow hatte übrigens zum US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt enge Kontakte, was Weiszäcker sehr wohl bekannt war.

Litwinow hatte noch am 17 April 1939  “weisungsgemäß” den russischen Geschäftsträger in Berlin, Alexej MERELENKOW aufgefordert, beim Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Ernst VON WEIZSÄCKER,  vorstellig zu werden.  Dieser notierte in einem Vermerk, der russische Sonderbotschafter habe erklärt, “es bestehe für die UdSSR kein Grund, nicht mit dem Deutschen Reich auf normalen Fuß zu leben.”  Der Gesandte hätte offensichtlich den Auftrag Stalins gehabt, “erste einleitende Schritt zu einer Verständigung mit Deutschland auszuloten”.  Am 30. Mai 1939 – also erst 6 Wochen später – übermittelte Staatssekretär von Weizsäcker dem deutschen Botschafter in Moskau, Werner Graf von der Schulenburg, die Nachricht, auch die deutsche Reichsregierung sei bereit, “mit der Sowjetunion konkrete Gespräche aufzunehmen.”  Am Ende stand der “Hitler-Stalin-Pakt”, den man auch “Stalin-Hitler-Pakt” nennen könnte.
Detlef  R. Peters

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