Gesamtmetall:”Manchem geht noch die Puste aus”

GiNN-BerlinKontor.—Martin KANNEGIESSER,  Chef des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall,  rechnet trotz anziehender Konjunktursignale mit noch mehr mit Firmenpleiten und Entlassungen. “Die Metall- und Elektroindustrie ist durch die Finanzkrise regelrecht nach unten gerissen worden”, sagte er  den VDI Nachrichten.  Gegenüber dem Vorjahreszeitraum  seien im ersten Halbjahr die Auftragseingänge und Produktion im Schnitt um rund ein Drittel gesunken. Die Auslastung habe aktuell mit weniger als 70 % den niedrigsten Stand seit Jahrzehnten erreicht. Zwar sei der Auftragseingang zuletzt wieder gestiegen, aber das Wachstumstempo sei noch gering. “Da wird manchem noch die Puste ausgehen – die Kapazitäten und die damit verbundenen Kosten werden für viele Betriebe über noch lange Strecken zu hoch sein.”

Zu den Warnstreiks in Ostdeutschland für die 35-Stunden-Woche sagte Kannegiesser, die IG Metall habe dort Druck gemacht,  “wohl um die eigene Mobilisierungsfähigkeit zu testen”. In den vergangenen Jahren habe die IG Metall gleich nach dem Ende der Friedenspflicht immer zu Warnstreiks aufgerufen.

Kannegiesser: “Die Arbeitgeber halten einen tarifpolitischen Großkonflikt für sehr leichtsinnig angesichts der konjunkturellen Situation in Deutschland im Allgemeinen und der wirtschaftlichen Lage in den neuen Ländern im Besonderen.  Beide Seiten haben sich darauf verständigt, für alle Ostbezirke zentral zu verhandeln. Wir haben der Gewerkschaft gesagt, was wir in den Mittelpunkt der Gespräche stellen wollen.”

Der IG Metall  habe man vorgeschlagen, sich zunächst auf Kriterien zu verständigen, an denen sichtbar wird, ob die wirtschaftlichen Verhältnisse in West und Ost wirklich gleich sind. Nach  seiner Auffassung gehören dazu Arbeitslosigkeit, Produktivität und die Eigenkapitalquote der Unternehmen. “Wenn diese Größen gleich sind, dann kann die Arbeitszeit auf 35 Stunden in der Woche verkürzt werden”, so Kannegiesser.

Kannegiesser in VDI: ” Für die meisten Unternehmen unserer Industrie hat der Flächentarif nach wie vor Vorteile, weil er sie vor unmittelbaren Konflikten bewahrt. Wenn dieser Vorteil allerdings mit zu hohen finanziellen Belastungen erkauft werden muss, dann müssen sich die Betriebe von ihm abwenden und können sich dann beispielsweise für Verbandsmitgliedschaften ohne Tarifbindung entscheiden. Sie müssen dann allerdings selbst Haustarife mit der Gewerkschaft abschließen.”

Die sozialen Sicherungssysteme müssten noch nachhaltig der veränderten Demographie angepasst werden, forderte Kannegiesser.  Überdies wuchere die Bürokratie nach wie vor und behindeet vor allem kleinere und mittlere Unternehmen, aber auch die Bürger.  “Die Regelung der öffentlichen Angelegenheiten ist umständlich und zu aufwändig.”  Zur “Rente mit 67″ sagte Kannegiesser, jeder stürze sich jetzt auf die Zahl 67.  Das Ziel müsse aber sein,  zunächst  das tatsächliche Renteneintrittsalter, das jetzt bei knapp 60 Jahren liegte,  zu erhöhen. Es wäre ein Fortschritt, wenn der Ausstieg aus dem Beruf erst mit 62 oder 63 Jahren käme. Die Betriebe werden sich auf ältere Beschäftigte einstellen müssen
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Zum Lehrstellenmarkt, auf derzeit bundesweit rund 140 000 Lehrstellen fehlen sagte Kannegieser: “Wo Arbeitsplätze abgebaut werden, gehen auch Lehrstellen verloren. Wir müssen versuchen, Ausbildung und Konjunktur zu entkoppeln, damit auch bei einem Abschwung genügend Ausbildungsplätze angeboten werden können. Gesamtmetall habe zum Beispiel vorgeschlagen,  zumindest in den nächsten drei kritischen Jahren die Vergütung für Lehrlinge einzufrieren und in jenen Betrieben, die über den Durchschnitt der jeweils letzten drei Jahre ausbilden, die Vergütung um 10 % zu kürzen.  So könne die finanzielle Belastung verringert werden. In der Metall- und Elektroindustrie hätten viele Betriebe “über Bedarf” ausgebildet.

Die Ausbildungsfähigkeit – so Kannegiesser – habe  in den letzten Jahren  “im Durchschnitt nachgelassen”. Die betriebliche Ausbildung sei überfordert, wenn sie schulische Defizite ausgleichen soll. Die gebe es im Leistungsverhalten, aber auch im schulischen Basiswissen: bei den Grundrechenarten, im Verstehen von Texten, von der Rechtschreibung ganz zu schweigen. Das Leistungsniveau an den allgemein bildenden Schulen müsse deutlich besser werden. “Das ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass es auch wirtschaftlich wieder aufwärts geht.”

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