Der „Stalin-Hitler-Pakt“ 1939

-Ps—-Russlands Präsident Wladimir W.  PUTIN erregte vor jungen Historikern in Moskau Aufsehen, als er 2015 sagte, der sowjetisch-deutsche Nichtangriffspakt (sic!)  von 1939 sei “keine schlechte Idee” gewesen. Glaubhafte Historiker und Forscher hätten erklärt, “Vertragsabschlüsse” dieser Art hätten “damals zu den gängigen außenpolitischen Methoden gehört”, so Putin. Und:  “Was ist so schlecht an der Tatsache, dass die Sowjetunion damals nicht kämpfen wollte.”  Auch Wladimir R. MEDGINSKI, seit 2012 Minister der Russischen Föderation, betonte mehrfach, der Pakt mit Hitler sei “ein kolossaler Erfolg der Stalinschen Diplomatie” gewesen.

Der so genannte Hitler-Stalin-Pakt gilt bis heute immer noch als ” wunder Punkt” in den Beziehungen Russlands zu seinen Nachbarn – speziell zu Polen.  Der Vertrag – wenige Wochen vor Kriegsausbruch in Moskau unterzeichnet – garantierte Deutschland sowjetische Neutralität bei einem Einmarsch in Polen. Zudem bildete der Pakt die Grundlage fürr eine Aufteilung Polens zwischen den beiden europäischen Großmächten.  Polen und die Baltischen Staaten machen bis heute die damalige UdSSR für den Ausbruch des Krieges im September 1939 mitverantwortlich. Bis 1989 hatte Moskau die Existenz dieses Paktes mit Hitler-Deutschland – mit den Geheimprotollen – kategorisch bestritten.

Erinnern wir uns: Vor 78 Jahren – am 23./24. August 1939 – unterzeichneten im Beisein von Josef W. STALIN, seit 1922 Generalsekretär des Zentralkomitees der kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) und ab 1941  Vorsitzender des Rates der Volkskommissare (Regierungschef) , der deutsche Reichsaußenminister Joachim VON RIBBENTROP und UdSSR-Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten Wjatscheslaw MOLOTOW sowie der Generalstabschef der Roten Armee,  Boris SCHAPOSCHNIKOW, einen Nichtangriffspakt – auch “Hitler-Stalin-Pakt” genannt.

In streng  geheimen Zusatzprotokollen  wurde  Ost-Europa zwischen der Sowjetunion (UdSSR)  und NS-Deutschland aufgeteilt.. Stalin setzte seine Truppen 17 Tage nach dem deutschen Angriff auf Polenam 01.09.39  in Marsch. Im Westen Polens wüteten die deutschen Besatzer, im Osten die sowjetische Rote Armee.

 Beim Studium der Vorgeschichte dieses Paktes – nach russischer Lesart “Molotow-Ribbentrop-Pakt” – drängt sich der Eindruck auf,  ob nicht dieser – eine Woche vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs – mit heißer Nadel gestrickten “Vertrag” zwischen den beiden Diktatoren in Moskau und in Berlin besser “Stalin-Hitler-Pakt” heißen müsste.

Der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt, der am 24. August 1939 in Moskau unterzeichnet wurde, war  - so Text – auf 10 Jahre begrenzt. Das Abkommen knüpfte an den Berliner Vertrag von 1926 an und somit an den Vertrag von Rapallo.  Das Deutsche Reich ließ sich von Moskau die Neutralität im Falle einer Auseinandersetzung mit Polen und den Westmächten garantieren und räumte der Sowjetunion die  Möglichkeit ein, im Ersten Weltkrieg verlorene Territorien ohne Eingreifen des Deutschen Reiches zu besetzen.  Schon in Vorverhandlungen mit Berlin hatte Moskau auf geheime Zusatzprotokolle bestanden, in denen verbindlich die Interessen der Sowjetunion z.B. an Polen, Finnland, Estland, Litauen und Lettland festzuschreiben seien.

Fakt ist: Erste Kontakte zwischen Moskau und Berlin waren auf Weisung Stalins von dem sowjetischen Außenminister Maxim LITWINOW vorbereitet worden.  Der Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten – seit 1930 im Amt – wurde jedoch von Stalin wenige Monate vor den deutsch-sowjetischen Verhandlungen entlassen. In Moskau hieß es damals, es sei dem deutschen Reichsaußenminister VON RIBBENTROP und vor allem dem Reichskanzler Adolf HITLER “nicht zuzumuten, mit einem jüdischen Minister zu verhandeln”.  Litwinow musste gehen und die Amtsgeschäfte übernahm am 3. Mai 1939 Molotow, der dann auch die Verhandlungen mit Berlin forcierte und zum Abschluss brachte.

Maxim Litwinow – mit bürgerlichem Namen Meir Henoch Mojsyewicz WALLACH-FINKELSTEIN – wurde als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie 1876 in Bialistok geboren,  das damals unter russischer Verwaltung stand. Er diente später in der russischen Armee und lernte Stalin – “in der Kampfzeit” im Kaukasus kennen.  Liwinow, seit 1898 Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands, wurde 1900 verhaftet.  Nach 18 Monate Haft floh er in die Schweiz, wo er als Journalist arbeitete. Später holte ihn Stalin als außenpolitischen Berater und danach Außenminister in den Kreml.

Vor Kriegsbeginn fungierte Litwinow auch als Kontaktperson zu Präsident Franklin D. ROOSSEVELT und zum britischen Premierminister Winston CHURCHILL.  Er soll immer wieder versucht haben, die Isolation der kommunistischen Sowjetunion zu überwinden und die diplomatische Anerkennung der UdSSR international als Staat und vor allem durch die USA durchzusetzen. Dies gelang ihm, da Rossevelt zu Deutschland und Japan ein “Gegengewicht” sah.  Als Hitler am 22.Juni 1941 die  Sowjetuniuon angriff, schickte Stalin Litwinow als Botschafter nach Washington D.C.

Zurück zu 1939: Litwinow aber war noch im Amt, als bereits am 17. April 1939 der sowjetische  Botschafter in Berlin, Alexej MEREKALOW, auf Weisung Stalins im Berliner Auswärtigen Amt vorstellig wurde. Nach Aufzeichnungen des damailgen Staatssekretärs  im AA, Ernst Heinrich VON WEIZSÄCKER, hatte der sowjetische Botschafter den Auftrag, “erste entscheidende Schritte zu einer Verständigung mit Deutschland auszuloten”.

Botschafter Merekalow erklärte dem deutschen Chefdiplomaten,  für Moskau bestehe kein Grund, warum die UdSSR nicht “mit Deutschland auf einen normalen Fuß leben sollte”. Aus normalen Beziehungen könnten auch ständig bessere werden. Stalin wird mit den Worten zitiert: “Ich weis wie sehr die Deutschen ihren Führer lieben.”

Stalin hatte schon früher erkennen lassen, dass er mit der nationalsozialistischen  Regierung in Berlin ”ins Reine” kommen wolle. Mit großem Unbehagen mussten London und Paris zur Kenntnis nehmen, dass Stalin zur gleichen Zeit mit Großbritannien und Frankreich über ein “Abkommen der kollektiven Sicherheit” verhandelte, und gleichzeitig dabei war, einen Pakt mit dem Deutschen Reich zu schließen. Außenminister Molotow gab später zu Protokoll, dass “Genosse Stalin mehrfach die Möglichkeit angedeutet habe, dass es zwischen Moskau und Berlin eine ganze Reihe nichtfeindlicher und gutnachbarlichen Beziehungen geben könne.”

Mitte Juni 1939 soll auf dem diplomatischen Parkett in Berlin erstmals das Wort “Nichtangriffspakt” gefallen sein. Georgi ASTACHOW, Botschaftsrat an der sowjetischen Botschaft in Berlin, soll demnach der bulgarische Botschafter Parvan DRAGONOFF erklärt haben , wenn die deutsche Reichsregierung erklären würde, die UdSSR nicht anzugreifen und dies in einem “Nichtangriffspakt” unterschreibe, werde die Sowjetunion wohl “von einem Vertrag mit London Abstand nehmen.”

Am 26. Juli 1939 überbrachte der deutsche Legationsrat Karl SCHNURR – laut Aufzeichnungen im Archiv des US State Departments und des AA – dem sowjetischen Botschaftsrat Astachow die Mitteilung, dass Berlin bereit sei, “alle Garantien zu liefern”.

Am 1. August 1939 nahm die deutsche Reichsregierung die Offerte des Kreml endgültig an.  Der deutsche Botschafter in Moskau, Friedrich-Wilhelm GRAF VON DER SCHULENBURG – (er wurde im November 1944 als Widerstandskämpfer hingerichtet), übergab dem sowjetischen Außenminister Molotow eine Note, in der Berlin dem Entwurf eines Nichtangriffspaktes zustimmte. Auch mit dem “vertraulichen Sonderprotokoll” bezüglich der “Interessensphären” Moskaus war die deutsche Reichsregierung laut Protokoll ausdrücklich einverstanden.

STALIN beeilte sich, HITLER noch am gleichen Tag mitzuteilen, dass er nun bereit sei, den deutschen Außenminister von Ribbentrop zur Unterzeichnung des Paktes zu empfangen. Man einigte sich darauf, den Moskau-Berlin-Pakt am 24. August 1939 in Moskau zu unterzeichnen. Ein Abkommen, dass im Sommer 1941 mit dem Einmarsch deutscher Truppen in Russland null und nichtig wurde.

Am 31. August 1939 lobte UdSSR-Außenminister Molotow den Pakt mit Hitler öffentlich.  Auf einer Sondersitzung des Obersten Sowjets sagte er:  Der Abschluss des sowjetisch-deutschen (sic!) Nichtangriffspakts zeigt, dass Genosse Stalins historischer Weitblick auf brillianteste Weise bestätigt wurde.”  Das geheime Zusatzprotokoll erwähnte Molotow natürlich nicht.

Moskau hat die Existenz dieses Zusatz-Protokolls (z.B. zur Zerschlagung Polens und zur Annektierung Finnlands und der Baltischen Staaten) später immer wieder bestritten. Der spätere Außenminister Andreij GROMYKO (1957-1985) nannte diese zusätzlichen Absprachen später – auch vor der UNO in New York – eine “unverschämte Geschichtsfälschung”.

Die Welt erfuhr vom Einmarsch der deutschen Truppen in Russland am 22. Juni 1941 morgens um 3 Uhr.  Aus dem Führerhauptquartier ließ Hitler über alle deutschen Rundfunksender mitteilen, die deutsche Wehrmacht sei “zur Abwehr der drohenden Gefahr aus dem Osten mitten in den gewaltigen Aufmarsch der feindlichen Kräfte hineingestoßen.”

Stalin reagierte erst am 3. Juli 1941 auf den deutschen Einmarsch – ohne Kriegserklärung.  In einer Rundfunkansprache an die “Genossen, Brüder und Schwestern, Kämpfer unserer Armee und Flotte” verdammte Stalin den Pakt-Genossen Hitler, der mit dem “verbrecherischen militärischen Überfall auf unsere Heimat wortbrüchig” geworden sei. Die beiden Diktatoren Stalin und Hitler waren über Nacht zu Erzfeinden geworden.

Detlef R. Peters

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