Hintergründe für den Anti-Terrorkrieg in Mittelasien

Amerikas und Rußlands Interessen im Kaukasus-Gebiet
- Hintergründe für den Anti-Terrorkrieg in Mittel-Asien –

GiNN – Berlin. Am 11. September 1939 protestierten tausende von Franzosen gegen den Kriegseintritt Frankreichs gegen Nazi-Deutschland. Sie hielten übergrosse Transparente hoch, auf denen die Frage gestellt wurde: “Mourir pour Danzig? Wollt ihr für Danzig sterben??”.
Heute stellen sich viele die Frage: Wollt ihr wegen der Taliban-Diktatur sterben? Lohnt es sich für Afghanistan einen Dritten Weltkrieg zu riskieren?
Es bedarf einer gründlichen Analyse der us-amerikanischen und der russischen Außen- und Sicherheitspolitik, um zu verstehen, welche ökonomischen und militärischen Interessen das Geschehen in Asien derzeit dominieren.

Fakt ist, Hauptinteresse Nummer eins der USA ist/war der pazifisch-asiatische Raum.

Fakt ist: Die Sicherheitsinteressen aller US-Administrationen konzentrieren sich zuvorderst auf die militärische Sicherung und Verteidigung des eigenen Kontinents.

Fakt ist: Die Vereinigten Staten von Amerika sind eine “pazifische Nation” (Clinton). Amerikas Haupsorgen liegen also nicht in Europa, sondern im pazifisch-asiatischen Raum.

Fakt ist: Die Anrainerstaaten Rußlands Kasachstan, Usbekistan, Aserbeidschan und Turmenistan – bis 1990/91 von der Sowjetunion einverleibt und heute für Moskau “near abroad = nahes Ausland – wurden von den USA bereits unter der Clinton-Administeration zum “derzeit strategisch wichtigsten Gebiet” erklärt.

Warum? Im Kaukasus/Kaspisches Meer werden die weltweit größten Energievorkommen (Öl/Erdgas vermutet. Schätzungen liegen bei über 200 Milliarden Barrel Öl und 410 Billionen Kubikmeter Erdgas.

Amerika warnte vor Konflikt mit der islamischen Welt

Washington hat zuletzt im Mai 2000 die Europäische Union und – vor allem Berlin – auf “die Gefahren neuer Konflikte im islamischen Raum” hingewiesen.

In einer GiNN vorliegenden Studie vom 08. Mai 2000 hiess es:

“Aus aktueller US-amerikanischer Sicht muß sich die künftige Verteidigungsstrategie vornehmlich auf den staatsgestützten, fanatisierten Terrorismus und auf übermächtige Drogenkartelle vor allem der islamischen Welt konzentrieren, wo immer mehr atomare und ABC-Massenvernichtungsmittel und ihre Träger – nicht selten mit westlicher Hilfe – produziert werden.”

Europa – so ein amerikanischer Diplomat in Brüssel – reagierte auf diese Einlassung der amerikanischen Regierung “kopfschüttelnd und amüsiert”.
Vor allem in Asien müsse “ein neuer Rüstungswettlauf verhindert werden”.

Radioaktives Material für Pakistan

Man hatte in Europa wohl übersehen, dass die damalige Aussenministerin Albright Mittelasien einen offiziellen Besuch abgestattet hatte. US-Nachrichtendienste hatten der Clinton-Administration brisante Berichte über den “überdimensionalen” Waffen- und Drogenhandel an den Grenzen zwischen Afghanistan, Usbekistan, Kasachstan und Kirgisiens vorgelegt. Das US-State Department kommentierte den Besuch Albrights in dieser Region mit dem Hinweis, Amerika habe “vitale Interessen in dieser Region – zwischen Rußland, China und Afghanistan”.

Die USA haben lange vor Beginn der militärischen Operationen in dem Nachbarstaat Afghanistans der Republik Usbekistan militärische Hilfe zukommen lassen – übrigens mit Zustimmung Moskaus, dass darauf hofft, Amerika könnte den verlorenen Krieg der Russen in Afghanistan doch noch gewinnen.

Die US-amerikanische Aufpolsterung Usbekistans hatte jedoch einen durchaus wichtigen Hintergrund. Es waren nämlich amerikanische Sensoren, die radioaktives Material in Usbeksitan aufspürten, das für Pakistan bestimmt war.

Washington D.C. hat daher die finanzielle und technologische Hilfe für Taschkent erhöht , im Grenzgebiet Anti-Terroreinheiten ausgebildet und zusätzlich 60 Sensoren zum Aufspüren von ABC-Waffen installiert.

Moskaus Kampf gegen den Terrorismus

Rußlands Präsident Wladimir Putin hat bereits wenige Monate nach seinem Amtsantritt die russische Außen- und Sicherheitspolitik – wie er sagte – “aktiviert”.

Seit dem Massenmord moslemischer Fanatiker am 11. September 2001 in Amerika fühlte sich Moskau “rehabilitiert”, weil der Einmarsch in Tschetchenien nach russischer Lesrat schon immer ein berechtigter Kampf gegen den islamischen Terrorismus war/ist, der alle bedrohe.

Erinnern wir uns: am 21. April 2000 ratifizierte Rußland in einer Blitzaktion den Atomstop-Vertrag START II, um Amerika unter Druck zu setzen. Moskau protestierte damals scharf gegen die NMD-Pläne der Amerikaner, die mit der neuen Raketenabwehr im Weltall (National NOT Nuklear Missile Defens NMD) nicht Europa, sondern die USA gegen mögliche Attacken der sogenannten Schurkenstaaten Irak, Iran, Libyen und Norkorea verteidigen wollen..

Die neue Militärdoktin Russlands

Im Rahmen der “Aktivierung” der russichen Außen- und Sicherheitspolitik diktierte Putin als neuen Kernsatz in die Militärdoktin des Kreml:
“Die Russische Föderation behält sich das Recht vor, Atomwaffen einzusetzen, wenn eine Aggression mit Atomwaffen oder anderen Massenvernichtungswaffen gegen sie und/oder gegen ihre Verbündeten vorliegt – sowie, wenn eine groß angelegte Aggression mit konventionellen Waffen in für die nationale Sicherheit Russlands kritische Situationen mündet.”

Damit wurde die 1993 verabschiedete Militärdoktrin Moskaus “ersetzt”. Festzuhalten ist, dass eine atomare Erstschlagsvariante nicht einmal die Sowjetunion (UdSSR) vorgesehen hatte.

“Wir können binnen 40 Minuten in New York das Licht ausknipsen.”

Begründung für die verschärfte Version: In Interviews hat Putin zu erkennen gegeben: Russland will nicht nur “Rohstofflieferant sein, wie es der Westen will”, sondern weltweit wieder als “Grossmacht” agieren.

Um den agitatorischen Warnungscharakter der Militärdoktin 2000 zu unterstreichen, liess Putin den Moskauer Militärexperten Pawel Felgengauer öffentlich erklären:

“Wir können binnen 40 Minuten in New York das Licht ausknipsen.”

Angesichts der tragischen Ereignisse in USA am 11. September 2001 eine besonders makabere Aussage aus russischem Mund!

Putin kritisiert die dominierende Rolle der USA und der NATO

Putin hat nach seiner Wahl zum Präsidenten am 7. Mai 2000 erstmals die strategische Lage Russlands analysiert und vor allem kritisiert, das “die Welt” gegenwärtig unipolar strukturiert sei. Er meinte damit “die dominierende Rolle der USA und der NATO”. Ziel müsse es sein – so Putin – “eine multipolare Welt der Kräfte zu schaffen und den Einfluss künftig gleichmäßiger zu verteilen”.

In dieser Grundsatzrede umschrieb Putin bereits unter der Rubrik “Innere Sicherheit Russlands” den Tschetschenien-Krieg als “ethnischen Konflikt” und verurteilte die Gefahren des Terrorismus, “der international bekämpft werden müsste.”

Russische Interessen im Kaukasus

Auch Russlands Interessen in Mittelasien beruhen natürlich auf den dortigen Bodenschätzen. Die Erdölquellen Tschetscheniens im Raum Grosny und am Kaspischen Meer sowie das Erdgas in dieser Region sind für Rußland von zentraler Bedeutung. Die Öl-Pipelines von Baku zum türkischen Hafen Ceyhan, die Phosphate und der Getreideanbau am Schwarzen Meer sind nahezu vom vitalen Interessen für Moskau. Putin beklagte mehrfach, dass die Jelzin-Regierung “in dieser Region nicht aktiv genug wurde”". Nun hätten “die USA, die Türkei, England und ihre Pipelines dort die Nase vorn”.

Die islamisch geprägten Staaten der Ex-UdSSR

Angesichts der Feindseligkeiten in und um Afghanistan bereiteten Moskau die vornehmlich islamisch geprägten autonomen Staaten der ehemaligen Sowjeunion grosse Sorgen. Es ist nur allzu verständlich, dass Putin ohne zu zögern an die Seite Amerikas und der Anti-Terror-Koalition eilte, um nun endlich für seinen Krieg in Tschtschenien internationale Schützenhilfe zu bekommen.

Der Kaukasus bildet zwischen den ehemaligen Imperien Russlands, dem Persischen Golf und dem Osmanischen Reich ein Gebiet mit unterschiedlichsten Ethnien, Sprachen, Schriften, Kulturen und Religionen. Die für Moskau problematischen Republiken sind die moslemisch ausgerichteten Staaten Tschetschenien, Dagestan,
Inguschetien und Nord-Ossetien. Sie konnte Putin bisher unter Kontrolle halten. Wann aber wird der Afghanistan-Konflikt auch diese Regionen miteinspannen?

Die Russische Föderation besteht seit der Selbstauflösung der Sowjetunion aus 89 “Föderationenssubjekten”. Davon sind 21 ethnisch definierte autonome Republiken., die alle – wie Tschetschenien – von Rußland nicht mehr dominiert werden wollen und die von Putin vorerst noch militärisch in Schach gehalten werden konnten.

Fazit: Moskau wird unter Putin sicherlich einer der zuverlässigten Kombattanten der USA im Krieg gegen den Terrorismus sein. Amerika und die Koalitionspartner im Kampf gegen den fanatischen Islamismus aber werden nach Beendigung des Anti-Terror-Feldzuges den wirtschaftlichen und strategischen Einfluss in Mittelasien nicht aufgeben, sondern weiter ausbauen.

Hier könnte es wieder zu einer Neuauflage der US-russischen Konfrontation kommen, weil beide Großmächte ihren Anspruch in dieser Region energisch verteidigen werden.

D.Robert Peters / GiNN