1939: Moskau-Berlin-Pakt

-Ps—-Russlands Präsident Wladimir W. PUTIN erregte bei einem Treffen mit jungen Historikern in Moskau Aufsehen, als er sagte, der sowjetisch-deutsche Nichtangriffspakt von 1939 sei  ”keine schlechte Idee”  gewesen. Dies berichteten mehrere Medien 2014 – darunter “The New York Times“. Glaubhafte Historiker und Forscher hätten erklärt, Abkommen und Vertragsabschlüsse dieser Art hätte “damals zu den gängigen außenpolitischen Methoden gehört”, so angeblich der heutige Kremlchef. Putin. Er wird zitiert mit den Sätzen: “Was ist so schlecht an der Tatsache, dass die Sowjetunion damals nicht kämpfen wollte.”   

 Der so genannte Hitler-Stalin-Pakt gilt bis heute als wunder Punkt in den Beziehungen Russlands zu seinen Nachbarn – speziell Polen. Der Vertrag wenige Wochen vor Kriegsausbruch in Moskau unterzeichnet, garantierte Deutschland sowjetische Neutralität bei einem Einmarsch in Polen. Zudem bildete der Pakt die Grundlage für eine Aufteilung Polens zwischen den beiden europäischen Großmächten . Polen und die Baltischen Staaten machen bis heute die damalige UdSSR (Sowjetunion) für den Ausbruch des Krieges im September 1939 mitverantwortlich. Bis 1989 hatte Moskau die Existenz dieses Paktes mit Hitler-Deutschland – mit den Geheimprotollen – kategorisch bestritten. Erinnern wir uns und versuchen wir eine historische Retrospektive – auf der Basis auch eigener Nachforschungen.

Ende August 1939 – vor 76 Jahren – unterzeichneten im Beisein von Josef W. STALIN – seit 1922 Generalsekretär des Zentralkomitees der kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) und ab 1941 Vorsitzender des Rates der Volkskommissare (Regierungschef)  – der deutsche Reichsaußenminister Joachim VON RIBBENTROP und UdSSR-Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten Wjatscheslaw MOLOTOW sowie der Generalstabschef der Roten Armee, Boris SCHAPOSCHNIKOW, den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt – auch “Hitler-Stalin-Pakt” genannt.

Beim Studium der Vorgeschichte dieses Paktes drängt sich der Eindruck auf, dass dieser – eine Woche vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs – mit heisser Nadel gestrickten PAKT zwischen den beiden Diktatoren in Moskau und in Berlin eigentlich “Stalin-Hitler-Pakt” heissen müsste.

Der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt, der am 24. August 1939 in Moskau unterzeichnet wurde, war zunächst auf 10 Jahre begrenzt. Das Abkommen knüpfte an den Berliner Vertrag von 1926 an und somit an den Vertrag von Rapallo. Das Deutsche Reich liess sich von Moskau die Neutralität im Falle einer Auseinandersetzung mit Polen und den Westmächten garantieren und räumte der UdSSR  ein, die im Ersten Weltkrieg verlorene Territorien ohne Eingreifen der deutschen Wehrmacht zu annektieren/besetzen. Schon in Vorverhandlungen mit Berlin hatte Moskau auf geheime Zusatzprotokolle bestanden, in denen verbindlich die Interesse der Sowjetunion z.B. an Polen, Finnland, Estland, Litauen und Lettland festzuschreiben seien.

Erste Kontakte zwischen Moskau und Berlin waren auf Weisung Stalins von dem sowjetischen Aussenminister Maxim LITWINOW vorbereitet worden. Der “Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten”  - seit 1930 im Amt – wurde jedoch von Stalin wenige Monate vor den Verhandlungen mit Berlin entlassen. In Moskau hiess es damals, es sei dem deutschen Reichsaußenminister und vor allem dem Reichskanzler Adolf HITLER “nicht zuzumuten, mit einem jüdischen Minister zu verhandeln”. Litwinow musste gehen. Die Amtsgeschäfte übernahm am 3. Mai 1939 Molotow, der dann auch die Verhandlungen mit Berlin forcierte und zum Abschluss brachte

Maxim Litwinow – mit bürgerlichem Namen Meir Henoch Mojsyewicz WALLACH-FINKELSTEIN – wurde als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie 1876 in Bialistok geboren, das damals unter russischer Verwaltung stand. Er diente später in der russischen Armee und lernte Stalin – “in der Kampfzeit” im Kaukasus kennen. Litwinow, seit 1898 Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands, wurde 1900 verhaftet. Nach 18 Monate Haft floh Litwinow in die Schweiz, wo er als Jourmalist arbeitete. Später holte ihn Stalin als außenpolitischen Berater und danach “Außenminister” Stalins.

Vor Kriegsbeginn fungierte Litwinow auch als Kontaktperson zu Präsident Franklin D. ROOSSEVELT und zum britischen Premierminister Winston CHURCHILL. Litwinow soll immer wieder versucht haben, die Isolation der kommunistischen Sowjetunion zu überwinden und die diplomatische Anerkennung der UdSSR international als Staat und vor allem durch die USA durchzusetzen. Dies gelang ihm, da Rossevelt zu Deutschland und Japan ein “Gegengewicht” sah. Als Hitler am 22.Juni 1941 die Sowjetuniuon angriff, schickte Stalin Litwinow als Botschafter nach Washington D.C.

Zurück zu 1939: Litwinow aber war noch im Amt, als bereits am 17. April 1939 der UdSSR-Botschafter in Berlin, Alexej MEREKALOW, auf Weisung Stalins im Berliner Auswärtigen Amt vorstellig wurde. Nach Aufzeichnungen des Staatssekretärs Ernst Heinrich VON WEIZSÄCKER hatte der sowjetische Botschafter den Auftrag, “erste entscheidende Schritte zu einer Verständigung mit Deutschland auszuloten”. Botschafter Merekalow erklärte dem damaligen deutschen Chefdiplomaten  im AA, für Moskau bestehe kein Grund, ”mit Deutschland normale Beziehungen aufzunehmen”. Daraus  könnten auch ständig bessere werden. In Moskau hatte Stalin schon früher erkennen lassen, dass er mit dem Deutschen Reich der Nationalsozialisten “ins Reine” kommen wolle.

Mit großem Unbehagen mussten London und Paris zur Kenntnis nehmen, dass Stalin jedoch zur gleichen Zeit mit Großbritannien und Frankreich über ein “Abkommen der kollektiven Sicherheit” verhandelte, und gleichzeitig dabei war, einen Pakt mit dem Deutschen Reich zu schliessen. Aussenminister Molotow gab später zu Prokoll, dass “Genosse Stalin mehrfach die Möglichkeit angedeutet habe, dass es zwischen Moskau und Berlin eine ganze Reihe nichtfeindlicher und gutnachbarlichen Beziehungen geben könne.”

Mitte Juni 1939 soll auf dem diplomatischen Parkett in Berlin erstmals das Wort “Nichtangriffspakt” gefallen sein. Georgi ASTACHOW, Botschaftsrat an der sowjetischen Botschaft in Berlin, sagte demnach der bulgarische Botschafter Parvan DRAGONOFF, wenn die deutsche Reichsregierung erklären würde, die UdSSR nicht anzugreifen und dies in einem “Nichtangriffspakt” unterschreibe, werde die Sowjetunion wohl “von einem Vertrag mit London Abstand nehmen.”

Am 26. Juli 1939 überbrachte der deutsche Legationsrat Karl SCHNURR – laut Aufzeichnungen im Archiv des US State Departments und des AA – dem sowjetischen Botschaftsrat Astachow die Mitteilung, dass Berlin bereit sei, “alle Garantien zu liefern”. Am 1. August 1939 nahm die deutsche Reichsregierung die Offerte des Kreml endgültig an. Der deutsche Botschafter in Moskau, F.M. Graf VON DER SCHULENBURG – (er wurde im November 1944 als Widerstandskämpfer hingerichtet), übergab dem sowjetischen Aussenminister Molotow eine Note, in der Berlin dem Entwurf eines Nichtangriffspaktes zustimmte. Auch mit dem “vertraulichen Sonderprotokoll” bezüglich der “Interessensphären” des Kreml war die deutsche Reichsregierung laut Protokoll ausdrücklich einverstanden.

STALIN beeilte sich, HITLER noch am gleichen Tag mizuteilen, dass er nun bereit sei, den deutschen Außenminister von Ribbentrop zur Unterzeichnung des Paktes zu empfangen. Man einigte sich darauf, den Moskau-Berlin-Pakt am 24. August 1939  zu unterzeichnen. Ein Abkommen, dass im Sommer 1941 mit dem Einmarsch deutscher Truppen in die UdSSR null und nichtig wurde.

Wenige Tage nach dem Stalin-Hitler-Abkommen   lobte am 31. August 1939 UdSSR-Außenminister Molotow den Pakt mit dem Hitler-Regime  öffentlich. Auf einer Sondersitzung des Obersten Sowjets sagte er: : “Der `Abschluss des sowjetisch-deutschen (sic!) Nichtangriffspakts zeigt, dass Genosse Stalins historischer Weitblick auf brillianteste Weise bestätigt wurde.” Das geheime Zusatzprotokoll erwähnte Molotow nicht. Moskau hat die Existenz dieses Zusatzprotokolls (z.B. zur Zerschlagung Polens und zur Annektierung Finnlands und der Baltischen Staaten) immer wieder bestritten. Der spätere Außenminister Andreij GROMYKO (1957-1985) nannte diese zusätzlichen Absprachen später – auch vor der UNO in New York – immer wieder eine “unverschämte Geschichtsfälschung”.

Die Welt erfuhr vom Einmarsch der deutschen Truppen in Russland am 22. Juni 1941 morgens um 3 Uhr. Aus dem “Führerhauptquartier” liess Hitler über alle deutschen Rundfunksender mitteilen, die deutsche Wehrmacht sei  ”zur Abwehr der drohenden Gefahr aus dem Osten mitten in den gewaltigen Aufmarsch der feindlichen Kräfte hineingestoßen.” Stalin reagierte erst am 3. Juli 1941 auf den deutschen Überfall  ohne Kriegserklärung.

In einer Rundfunkansprache an die “Genossen, Brüder und Schwestern, Kämpfer unserer Armee und Flotte” verdammte Stalin den Pakt-Genossen Hitler, der mit dem “verbrecherischen militärischen Überfall auf unsere Heimat wortbrüchig” geworden sei. Die beiden Diktatoren Stalin und Hitler waren über Nacht zu Erzfeinden geworden. Sie wollten später die Welt “zerreißen”. (-C–ps/berlin)

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